Seite 20 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_07-08

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titelthema
20
wirtschaft + weiterbildung
07/08_2013
r
Geheimnisse der
Fremdsprachengenies
Michel Erard:
„Babel No More: The
Search for the World‘s Most Extraordi-
nary Language Learners”, Free Press,
New York Oktober 2012, 306 Seiten,
12,30 Euro)
Mein Lektüretipp für die Ferien ist ein
Titel, der Sachbuch, Essay, Reisebericht
und Abenteuergeschichte zwischen
zwei Buchdeckeln vereint. Michael
Erard nimmt seine Leser mit auf Entde-
ckungstour und erkundet das Geheimnis
der polyglotten Genies. Wie schaffen es
Menschen, mehrere Sprachen fast so gut
zu beherrschen wie ihre Muttersprache?
Wie zum Beispiel der deutsche Sinologe
Emil Krebs, der 68 Sprachen in Wort und
Schrift beherrschte und sich mit 111 Spra-
chen befasste – Dialekte noch nicht mit-
gezählt? Was läuft im Gehirn eigentlich
ab, wenn wir Sprachen lernen? Welche
Lernstrategien können wir „Normalos“
von den Sprachgenies übernehmen?
Oder liegt des Rätsels Lösung doch in den
Genen?
Immer wenn es um Sprache, Kommuni-
kation und Lernstrategien geht, werden
Trainer hellwach oder sollten zumindest
hellwach werden – und nicht nur diejeni-
gen, die bereits ihre Erfahrungen mit mul-
tilingualen Seminaren in interkulturellen
Settings gesammelt haben. Das Buch
hält spannende Einsichten und Aha-
Erlebnisse bereit. So hat Erard zum Bei-
spiel in Erfahrung bringen können, dass
in Funksprüchen zwischen Piloten und
Fluglotsen sich nur ein Viertel des Ge-
sagten auf den eigentlichen Akt des Flie-
gens bezieht. Der Rest ist Metakommu-
nikation: Nachfragen, Wiederholen und
das Bemühen um klare Verständigung
und eine gemeinsame Sprache. Auch das
dürfte Coachs und Trainern ja irgendwie
bekannt vorkommen.
„Babel no more“ ist ein bemerkenswert
tolles Buch, weil es sich dem Thema
Sprache und Kultur erfrischend locker
und unverkrampft nähert. Das Buch ist
noch nicht für den deutschen Markt über-
setzt worden. Aber es auf Deutsch zu
lesen, wäre ja auch irgendwie langweilig
– und ziemlich monoglott.
Ein Tipp von:
Dr. Lars-Peter Linke,
Leiter der „Zeit-Akade-
mie“, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co.
KG, Hamburg.
Nachdenken über das Internet
Weinberger, David:
„Too Big to Know.
Das Wissen neu denken, denn Fakten
sind keine Fakten mehr, die Experten
sitzen überall und die schlaueste Per-
son im Raum ist der Raum“ (Huber,
Bern 2013, 254 Seiten, 24.95 Euro)
Warum Sie „Too Big to Know“ lesen
sollten, wo doch eine Zusammenfassung
schon im Untertitel geboten wird? Warum
also? Weil das Buch sehr inspirierend die
Frage beantwortet, was eigentlich Wis-
sen ist. Nach David Weinberger handelt
es sich dabei keineswegs um ein fertiges
Konzept. Stattdessen hängt die Natur
des Wissens stark vom jeweiligen Leit­
medium ab. Dieses Leitmedium heißt seit
relativ kurzer Zeit nicht mehr „Papier“,
sondern Internet.
Es formt eine völlig neue, vernetzte
Wissenslandschaft, die uns unvorstell-
bare Möglichkeiten bietet und zugleich
mancherlei Befürchtungen weckt. Wein-
berger beschreibt die positiven und ne-
gativen Aspekte der neuen Wissenswelt
und führt den Leser auch zurück durch
die Jahrhunderte. Er präsentiert keine
endgültigen Antworten, sondern pflegt
eine erfrischend unvoreingenommene
Perspektive mit ironischen Seitenhieben
sowohl gegen kulturpessimistische In-
ternethasser als auch gegen blinden In-
ternetfanatismus. Ein gelehrtes und ge-
schichtsbewusstes Werk über ein brand-
aktuelles Thema.
Ich empfehle es allen, die mehr als nur
einen Tweet lang über das Internet und
seine Auswirkungen auf unsere Art zu
arbeiten nachdenken möchten. David
Weinberger studierte Philosophie und
promovierte über Martin Heidegger. Er ist
Mitverfasser des einflussreichen „Clue-
train Manifesto“ und schrieb zahlreiche
Bücher rund um die Themen Wissen,
Wissenschaft und Internet.
Ein Tipp von:
Thomas Bergen,
Mitgründer und CEO des
Rezensionsdiensts Get-Abstract, Luzern,
der aktuelle Bestseller auf rund fünf Seiten
zusammenfasst.