menschen
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wirtschaft + weiterbildung
07/08_2013
stimmen. Sofern möglich sollten Sie zudem ein 360 Grad-Feed-
back einholen.
Welche psychopathischen Züge sind noch akzeptabel?
Dutton:
Kandidaten mit sehr hohen Ausprägungen sind für nie-
manden gut und können das Unternehmen ruinieren. Aber je
nach Job kann eine bestimmte Kombination von manchen psy-
chopathischen Merkmalen nützlich sein. Für jeden Job braucht
man nicht nur die entsprechenden Fähigkeiten, sondern auch
die entsprechende Persönlichkeit, um seine Fähigkeiten über-
haupt nützen zu können. Nehmen Sie einen Topanwalt. Der
braucht nicht nur brillante analytische Fähigkeiten, muss Infor-
mationen schnell aufnehmen und komplexe Zusammenhänge
verstehen, er braucht auch ein unerschütterliches Selbstver-
trauen, um sich in einem vollen Gerichtssaal nicht aus dem
Konzept bringen zu lassen. Wenn er das nicht kann, wird er
nie ein Topanwalt. Das ist auch ein psychopathisches Merk-
mal. Haben die Leute die richtigen Kombination und Ausprä-
gungen für den Job, dann ist es okay. Ist der Regler zu hoch
gedreht, werden sie gefährlich und destruktiv. Derzeit arbeiten
die beiden Forscher Bob Hare und Paul Babiak daran, ob es so
etwas wie ein optimales Niveau an Psychopathie für bestimmte
Bereiche oder Branchen gibt. Ich selbst arbeite an einem ähn-
lichen Projekt und versuche herauszubekommen, ob man mit
psychometrischen Messungen Psychopathie zum Beispiel bei
Hedge Fund Managern aufdecken kann.
Kann man einen Psychopathen, der im Unternehmen bereits
ganz oben ist, noch bremsen?
Dutton:
Das ist sehr schwer. Wenn er schon an der Spitze ist,
dreht er auf und denkt, er kann das auch ungestraft tun. Da
braucht man jemanden auf derselben Ebene wie andere Vor-
stände, den Aufsichtsrat oder Investoren, die ihn bremsen.
Interessant ist aber vor allem: Je höher jemand auf der Karri-
ereleiter steigt, desto mehr dreht er oft psychopathisch auf. Er
wird selbstbewusster und hat mehr Möglichkeiten.
Hilft ein Coaching?
Dutton:
Das könnte helfen, aber oft werden Manager gar nicht
dafür bereit sein. Wenn ein Topmanager extrem selbstbewusst
und rücksichtslos ist, dann ist er meist auch davon überzeugt,
dass mit ihm alles in Ordnung ist. Die Probleme liegen immer
nur bei den anderen. Psychopathen sind sehr gut darin, andere
für ihre Probleme verantwortlich zu machen.
Sind Psychopathen überhaupt teamfähig?
Dutton:
Bisher dachte man immer, dass sie das nicht sind. Aber
eine neue Forschung hat herausgefunden, dass sie durchaus
gut im Team arbeiten können. Aber nur dann, wenn sie das
Team als direkte Erweiterung von sich selbst sehen und wenn
das Team ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität ist. Das
Team wird dann geschickt benutzt.
Und die anderen Teammitglieder müssen ihn dann ständig
bewundern?
Dutton:
Wenn man mit einem Psychopathen zusammenarbei-
tet, ist es immer schwer, seine eigene Position zu bewahren
und Schaden abzuwenden. Die wichtigste Regel dabei ist, sich
nie verletzbar zu zeigen. Wenn Psychopathen das merken,
greifen sie Dich an. Man muss sich daher immer selbstsicher
zeigen, auch wenn man es nicht ist. Und man darf nie an die
Großzügigkeit oder den guten Willen eines Psychopathen ap-
pellieren, sondern immer nur an seine Selbstinteressen. Das ist
der einzige Weg, um seine eigenen Interessen durchzukriegen.
Kann man denn überhaupt mit einem psychopathischen Chef
zusammenarbeiten?
Dutton:
Wenn der Boss ein destruktiver Psychopath ist, der die
Moral ruiniert und die Produktivität reduziert, dann sollte man
besser gehen. Wer Zweifel hat, sollte sich eine zweite Meinung
von einem vertrauenswürdigen Kollegen ein-
holen. Ganz wichtig ist es auch, Psychopathen
niemals zu decken. Sie versuchen immer, Dich
in Sachen reinzuziehen, die sie gut aussehen
lassen. Lüge niemals für Psychopathen! Dann
bist Du in ihrem Spinnennetz gefangen und sie
manipulieren und erpressen Dich.
Kennen Sie deutsche CEOs, die Psychopathen sind?
Dutton:
Nein, und selbst wenn ich sie kennen würde, wäre ich
nicht so verrückt sie zu nennen, um dann verklagt zu werden.
Sie schreiben, dass Apple-Boss Steve Jobs von seinen psycho-
pathischen Merkmalen profitierte. Wie hat er das gemacht?
Dutton:
Er hat die Wesenszüge eines erfolgreichen Geschäfts-
manns optimiert. Er war extrem fokussiert, charismatisch und
„Man darf nie an die Großzügigkeit oder den guten
Willen eines Psychopathen appellieren, sondern
nur an seine Selbstinteressen. Das ist der einzige
Weg, um seine eigenen Interessen durchzukriegen.“
Inszenierung.
Kevin Dutton („Mein Vater war Psychopath“)
schlüpft gerne in zwielichtige Rollen, um sein Buch zu promoten.
Foto: www.paulrobertwilliams.com