07/08_2013
wirtschaft + weiterbildung
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interviewte mich ein Journalist. Sein Termin war um 15
Uhr zu Ende und der nächste Journalist wartete schon vor
der Tür. Aber er hörte einfach nicht auf. Der zweite Journa-
list hatte dann nur noch 15 Minuten für sein Interview und
klagte über die Rücksichtslosigkeit seines Kollegen. Das ist ein
wunderbares Beispiel, wo es besser wäre, ein bisschen psy-
chopathischer zu sein. Der zweite Journalist war zwar nett,
aber auf seine Kosten. Er hätte seine Rücksichtslosigkeit und
seine Furchtlosigkeit etwas hochdrehen sollen. Als Journalist
braucht man so was.
Gibt es Berufe, wo Psychopathen besonders häufig
anzutreffen sind?
Dutton:
Im Jahr 2011 habe ich eine Umfrage durchgeführt.
Sie hieß „Great British Psychopath Survey“ und war die erste
Studie, die auch die beruflichen Tätigkeiten miteinbezog. Die
Leute wurden über das Radio auf meine Website gelenkt, wo
sie einen speziell für die Normalbevölkerung validierten Test,
die Levenson Self Report Scale, ausfüllten und zudem noch
Angaben zu ihrem Job machten. Die meisten Psychopathen
gab es – wenig verwunderlich – bei den CEOs, dann kamen
Anwälte, Verkäufer, Chirurgen, Journalisten und Polizisten.
Auf Platz acht standen die Geistlichen. Das hat mich zunächst
doch sehr erstaunt. Aber Psychopathen sind einfach erfolg-
reicher in Organisationen mit einer klaren Hierarchie, wo sie
an den Regeln drehen können und das ist zum Beispiel bei der
Kirche der Fall.
Findet man Psychopathen eher in großen Organisationen?
Dutton:
Ich kann das nicht belegen, aber ich würde intuitiv zu-
stimmen. Man findet auch mehr Psychopathen in städtischen
Gebieten als auf dem Land. Je mehr Menschen um sie herum
sind, desto besser können sie ihre psychologische Tarnung nut-
zen und sich verbergen. Sie können sich Verdienste von ande-
ren zuschreiben, andere für ihre Fehler verantwortlich machen
oder Allianzen bilden und Menschen manipulieren.
In Unternehmen können Psychopathen großen Schaden
anrichten. Was raten Sie HR-Managern bei der Rekrutierung
neuer Mitarbeiter?
Dutton:
Wenn Sie vermuten, dass ein Kandidat psychopathisch
ist, müssen Sie unbedingt entsprechende Persönlichkeitstests
machen. In Großbritannien machen die HR-Manager das auch.
Natürlich kann man denen keinen Psychopathen-Test vorle-
gen, aber es gibt andere Persönlichkeitstests, aus deren Ergeb-
nissen man durchaus herauslesen kann, ob der Kandidat diese
Züge hat. Zudem müssen Sie Tiefeninterviews machen und
seine Unterlagen sehr sorgfältig checken. Psychopathen sind
gut darin, Ihnen einen Bären aufzubinden. Und Sie müssen
darauf achten, ob ihre Worte auch mit ihren Taten überein
Buchtipp.
Das Buch „Psychopathen“
von Kevin Dutton ist im April 2013 im
Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv)
in München erschienen (320 Seiten,
14,90 Euro).
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