Seite 15 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_07-08

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07/08_2013
wirtschaft + weiterbildung
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charmant, konnte sich phantastisch selbst darstellen und er
hatte ein großes Talent. Gleichzeitig war er rücksichtslos und
trieb seine Leute an ihre Grenzen. Das sind alles psychopa-
thische Merkmale. Wer zu empathisch und soft ist, wird nicht
zur Nummer eins einer Branche.
In Führungstrainings geht es oft darum, dass Manager
reflektierter werden. Ist das der falsche Weg?
Dutton:
Oft gibt es einfach keine Zeit für Nabelschau im mörde-
risch harten Geschäft. Da muss man schnell und unter Druck
entscheiden und manchmal richtig hart sein. Ein CEO sagte
mir mal: „Wenn Du nachts wach liegst und darüber grübelst,
was Du getan hast, dann wäre es besser gewesen, Du wärst
kein CEO geworden.“
Wir leben nun mal in keiner idealen Welt. Das ist sicherlich
nicht schön, aber wir müssen letztlich doch auch pragmatisch
sein. Das ist übrigens auch einer der Punkte, warum Frauen
oft nicht so erfolgreich sind. Sie sind empathischer und reflek-
tierter und machen sich selbst mehr Vorwürfe, wenn Dinge
schiefgehen.
Sind Männer häufiger psychopathisch?
Dutton:
Bei Männern liegt die Verbreitung zwischen ein und
zwei Prozent, bei Frauen zwischen 0,5 bis 0,75 Prozent, wobei
man nicht genau weiß, warum das so ist.
Nachdem Sie sich nun mit Psychopathen beschäftigt haben,
schreiben Sie dann vielleicht als nächstes ein Buch über
Narzissten?
Dutton:
Oh nein. Meine Frau sagt, dass ich durch das Buch
selbst etwas psychopathischer geworden bin. Wenn ich jetzt
noch ein Buch über Narzissten schreibe, dann reicht sie wohl
die Scheidung ein.
Interview: Bärbel Schwertfeger
Mehr „Gesinnungsschnüffelei“
Gerade bei der Besetzung von Toppositionen werde das
„Psychopathen-Thema“ immer relevanter, will Rüdiger Hos-
siep beobachtet haben. Natürlich sei es schon immer so
gewesen, dass bestimmte Charaktere schneller Karriere
gemacht hätten, aber die Mediengesellschaft mit ihrem
Drang zur Show und zu extremem Verhalten spüle extreme
Persönlichkeiten noch eher nach oben.
„Eine Gesellschaft mit Facebook und Rotem-Teppich-Getue
und den damit verbundenen Möglichkeiten der Zurschau-
stellung begünstigt Psychopathen“, so der Psychologe.
Zudem werde der Konkurrenzkampf auf dem Weg nach
oben immer härter und dabei hätten Psychopathen häu-
fig Vorteile: Sie sind fokussiert, furchtlos, gelassen und
haben keine Angst vor aggressiven Auseinandersetzungen.
„Das sind Merkmale eines Führers, dem man gern folgt,
das sind die idealen Sanierer“, so Hossiep. Allerdings
gibt es auch dunkle Seiten: Sie nutzen andere aus, lügen
krankhaft, sind extrem reizbar und impulsiv und zeigen
keine Empathie. Wenn ein Psychopath es dann bis an
die Spitze geschafft hat, regiert er nach dem Motto: „Wer
widerspricht, der fliegt.“
Das Problem beginnt meist schon bei der Personalaus-
wahl. Denn Personalern fehle in der Regel nicht nur die
hinreichende Expertise, sie spielten bei der Besetzung
von Toppositionen häufig keine Rolle. „Ganz oben lässt
Wissenschaft.
Der Management-Diagnostiker Dr. Rüdiger
Hossiep, Psychologe an der Ruhr Universität Bochum, fordert
Personalmanager dazu auf, bei der Auswahl von Entscheidungs­
trägern genauer hinzuschauen.
man keine Personaler oder Psychologen ran, die könnten
einem ja Spielräume nehmen“, so Hossiep. Dabei würde
bereits ein seriöser Persönlichkeitstest, der die Big Five
(die fünf wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale) misst, Hin-
weise auf psychopathische Tendenzen geben. So haben
Psychopathen hohe Werte bei der Extraversion und Offen-
heit, dagegen geringe bei Neurotizismus, Verträglichkeit
und Gewissenhaftigkeit.
Grundsätzlich rät der Psychologe den Personalmanagern,
sich die Kandidaten genauer anzuschauen. „Wir sollten im
positivsten Sinne „Gesinnungsschnüffelei“ betreiben und
das Umfeld einer Person anschauen“, fordert Hossiep. Ein
Personaler, der dabei stark ausgeprägte psychopathische
Merkmale entdecke, müsse für sich klären, wie er damit
umgehen wolle. Die Frage laute: „Übernehme ich Verant-
wortung und tue alles, um solche Personen von der Schalt-
zentrale fernzuhalten oder heiligt der Zweck die Mittel?“
Bärbel Schwertfeger
Rüdiger Hossiep
erforscht
an der Ruhr Universität
Bochum die Persönlichkeit
von Führungskräften.
Foto: Uni Bochum