training und coaching
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wirtschaft + weiterbildung
09_2013
zu erfahren oder Lehrstoff zu vertiefen.
Zugespitzt formuliert: Es könnte so sein,
dass sich bei Extravertierten manche Er-
kenntnis erst beim Austausch mit ande-
ren manifestiert – der zwischenmensch-
liche Kontakt als Unterstützung für den
eigenen Denkprozess. Der hohe Bedarf
nach Kontakt zeigt sich auch darin, dass
extravertierte Studenten den Aspekt „al-
leine zu studieren“ sehr häufig als Belas-
tung nennen und den Kontakt zu anderen
Fernstudenten als wichtig einschätzen.
Gleichzeitig profitieren sie von den Qua-
litäten der höheren Extraversion für den
zwischenmenschlichen Kontakt: Der
Kontaktaufbau zu anderen Studenten ge-
lingt offensichtlich leicht. Kontakt zu an-
deren Fernstudenten wird als vorhanden
beurteilt.
In Bezug auf Prüfungen melden die ex-
travertierten Studenten, dass für den Stu-
dienerfolg eine Gelassenheit bei Misser-
folg in Prüfungssituationen wichtig sei.
Gleichzeitig geben sie an, sich durch
schlechte Klausuren wenig belastet zu
fühlen. Da Extraversion oft auch mit
Selbstsicherheit einhergeht, könnte eine
Erklärung für diese beiden Ergebnisse
lauten, dass der extravertierte Mensch
mit all seiner Selbstsicherheit den Miss-
erfolg externen Ursachen zuschreibt und
so gleichzeitig dafür sorgt, dass die eigene
Person nicht durch ein Misserfolgserleb-
nis herabgewertet werden muss, was
wiederum die Selbstsicherheit nährt.
Die Angabe der seltener erlebten finan-
ziellen Belastung durch das Studium ist
sicherlich nicht so zu interpretieren, dass
extravertierte Studenten über bessere Ver-
mögensverhältnisse verfügen. Vielmehr
dürfte der Optimismus des Extravertier-
ten dafür sorgen, dass manche finanzielle
Herausforderung, die andere Studenten
bereits als Belastung empfinden, von den
extravertierten Menschen (noch) nicht als
belastend angesehen wird.
„Gewissenhaftigkeit“: Hohes
Sicherheitsbedürfnis beachten
In Bezug auf die Formalität führte die em-
pirische Datenerhebung zu den folgenden
Ergebnissen: Je höher die Formalität aus-
geprägt ist, desto bedeutsamer sind fol-
gende Aspekte für den eigenen Studiener-
folg: „Sorgfältige Prüfungsvorbereitung“
und „Misslungene Prüfungen nicht auf
die leichte Schulter nehmen“. In Bezug
auf das Verhalten beziehungsweise die
Belastungen im Fernstudium zeigt sich
unter anderem, dass formal veranlagte
Studenten …
• es als Belastung empfinden, in Prü-
fungen schlecht abzuschneiden oder
durchzufallen,
• ein hohes Sicherheitsbedürfnis bei Prü-
fungen haben,
• angeben, dass genügend zeitlicher Frei-
raum zum Lernen vorhanden ist,
• im Studium eher perfektionistisch und
sorgfältig sind,
• im Studium planvolles und systemati-
sches Verhalten zeigen,
• viel familiäre Unterstützung angeben,
• „alleine zu studieren“ als Belastung
nennen.
Im Gegensatz zu den extravertierten Stu-
denten geben diese Studenten an, dass
es für den persönlichen Studienerfolg
bedeutsam sei, misslungene Prüfungen
nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Darüber hinaus empfinden sie misslun-
gene Prüfungen tatsächlich als Belastung
und geben ebenfalls an, ein hohes Sicher-
heitsbedürfnis bei Prüfungen zu haben.
Dies lässt sich wie folgt interpretieren:
Für den formalen, gewissenhaften Stu-
denten sind Prüfungen besonders kriti-
sche Momente des Studiums. Hier zeigt
sich durch externe Bewertung, ob das
eigene Pflichtbewusstsein und Leistungs-
streben erfolgreich waren.
Die einzelne Prüfungsnote ist für ihn
demnach auch eine Rückmeldung zu der
eigenen Person und eine Berührung des
eigenen Selbstwerts. Erfolgt hier durch
eine schlechte Note eine kritische Rück-
meldung, werden die Anstrengungen
vervielfacht. Und das hohe Sicherheits-
bedürfnis sorgt bereits im Vorfeld dafür,
dass lediglich Prüfungen absolviert wer-
den, bei denen eine befriedigende Note
in Aussicht ist. Auch die Angaben zu aus-
reichenden zeitlichen Lerngelegenheiten
sowie planvoll-systematischem Vorgehen
im Studium lassen sich hier einordnen:
Denn fehlt einer dieser Aspekte, steigt die
Wahrscheinlichkeit von Misserfolgen bei
Prüfungen.
Ebenso lässt sich die Aussage alleine zu
studieren als Belastung zu empfinden,
folgendermaßen interpretieren: Hier
könnte ein Bedürfnis zugrunde liegen, die
r
Jahrestreffen.
Rund
100 europäische
Distance-Learning-
Anbieter trafen sich
im Juni in Hamburg
zu ihrer EADL-Kon-
ferenz 2013.
Prof. Dr. Christian
Warneke,
geboren 1980
in Hamburg, ist
Dekan des Stu-
diengangs „BWL und Wirtschafts-
psychologie (B.A.)“ und Professor für
Wirtschaftspsychologie an der Euro-
FH. Sein Studium der Psychologie und
Sportwissenschaften an den Universi-
täten Hamburg und Lissabon schloss
er mit dem Diplom ab. Nach Statio-
nen bei einem Forschungsinstitut in
London sowie einem internationalen
Handelshaus wurde er an der Uni
Hamburg über Eignungsdiagnostik
und Assessment Center promoviert.
Europäische Fernhochschule
Hamburg GmbH
Doberaner Weg 20
22143 Hamburg
Autor