09_2013
wirtschaft + weiterbildung
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einer Mischung aus zwei Pseudowissen-
schaften und einer noch jungen, nicht
abschließend erforschten, aber wirksa-
men Therapieform für die Behandlung
von Menschen mit psychischen Trau-
mata, die höchste Anforderungen an die
Kompetenz von Therapeuten stellt. Es ist
höchst problematisch, dass auch dieses
neue Coaching-Format rasch Eingang in
die Personal- und Organisationsentwick-
lung gefunden hat, zumal Trainer, Coachs
oder Personalentwickler weder über die
Befugnis noch über die formalen Quali-
fikationen und Befähigungen verfügen,
um solche therapeutischen Methoden im
Kontext betrieblicher Maßnahmen anzu-
wenden.
Übertreiben Sie da nicht wieder etwas?
Welches Unternehmen traktiert seine
Mitarbeiter denn mit Methoden aus der
Traumatherapie?
Lau:
Zum Beispiel eine gelernte Bank-
kauffrau und Ausbildungsleiterin bei
einer Universalbank, die „Wingwave“
bei Auszubildenden anwendet. Das zeugt
meiner Meinung nach von einer gren-
zenlosen Selbstüberschätzung. Denn
im Ernstfall ist so jemand nicht einmal
ansatzweise in der Lage, mit den uner-
warteten Wirkungen seines eigenen Tuns
verantwortungsvoll umzugehen.
Selbst die altehrwürdige Transaktions-
analyse gehört für Sie zur Management
esoterik. Aber das ist doch „nur“ ein
sozialpsychologisches Modell ...
Lau:
Das stimmt. Aber auch hier fehlt die
theoretische Basis. Die Transaktions-Ana-
lyse ist eine empirisch nicht validierte, in
Deutschland nicht zugelassene Psycho-
therapie-Form. Sie basiert auf einem eher
mechanistischen und reduktionistischen
Verständnis der Psyche. Dazu kommt,
dass die Transaktionsanalyse inzwischen
einen universalistischen Geltungsan-
spruch hat und für alles gut ist. Fürs Coa-
ching, für die Führungskräfteentwicklung
und fürs Schlankwerden. Das ist typisch
für ein esoterisches System. Das hilft
immer für alles.
Auch die systemische Beratung
kritisieren Sie hart und bezeichnen sie
sogar als neuen Katholizismus. Warum?
Lau:
Ähnlich wie NLP stützt sich die
systemische Beratung auf einen Theorie-
Eklektizismus, der auf den unbedarf-
ten Laien beeindruckend wirken mag.
Dabei verfügen die meisten Anhänger
kaum über ein fundiertes Verständnis der
immer wieder beschworenen Grundkon-
zepte wie Konstruktivismus, Kybernetik,
Entwicklungspsychologie oder System-
theorie und Quantenphysik. Theoretische
Begründung und reale Praxis fallen hier
radikal auseinander. In der Praxis greifen
Achtung Übergriff.
Die Personalentwicklung
sollte laut Lau keine therapeutisch
inspirierten Interventionen zulassen.