training und coaching
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wirtschaft + weiterbildung
09_2013
alle systemischen Schulen auf dasselbe
Repertoire der systemischen Familienthe-
rapie und ihre Interventionstechniken,
Feedback- und Interviewtechniken und
psychotherapeutische Techniken wie das
Reframing zurück. Doch therapeutische
Techniken und Methoden haben im Be-
trieb nichts verloren. Zudem artet die sys-
temische Beratung immer stärker in die
spirituelle Ecke aus.
Inwiefern?
Lau:
In der Szene gibt es längst einen
Konsens, die systemische Perspektive als
die theoretische Grundlage für die neue
Spiritualität in der PE/OE zu betrachten.
Dabei geht es den Trainern und Beratern
nicht darum, frustrierte Führungskräfte
wieder glücklicher zu machen, sondern
erneut darum, die Grenze zwischen Ar-
beits- und Privatleben aufzuheben. Das
geben die Anbieter auch offen zu.
So erklärte der Geschäftsführer einer re-
nommierten Beratergruppe: Erst wenn
wir den Menschen auch spirituell er-
obern, rufen wir seine letzten Potenziale
ab. Damit wird offensichtlich, welchen
übergriffigen Charakter die neue Spiri-
tualität in Training und Coaching sowie
Beratung hat.
Ein Kapitel Ihres Buches beschäftigt sich
mit den Typentests. Was gefällt Ihnen
daran nicht?
Lau:
Typentests wie DISG, MBTI und In-
sights MDI sind aus meiner Sicht sehr
problematisch. Sie basieren meist auf
C.G.Jung und damit auf dem Erkenntnis-
stand Anfang des 20.Jahrhunderts. Die
typologischen Verfahren beruhen auf ver-
alteten, logisch nicht nachvollziehbaren,
empirisch längst widerlegten oder aber
nie bewiesenen Theorien. Und es fehlen
empirische Belege für die prognostische
Validität. Für die betriebliche Eignungs-
diagnostik und die Personalentwicklung
sind die Verfahren nicht geeignet.
Warum fallen dann so viele Personaler
darauf herein?
Lau:
Die Tests sind gut gemacht. Zudem
betreiben die Anbieter ein geschicktes
Marketing und setzen auf Effekthasche-
rei. Die Tests haben oft eine hohe Au-
genscheinvalidität, das heißt, das Ergeb-
nis erscheint zwar stimmig, basiert aber
nicht auf einer fundierten wissenschaftli-
chen Grundlage.
Sie fordern also ein stärker evidenz-
basiertes Personalmanagement?
Lau:
Evidenzbasiert ist das Personalma-
nagement dann, wenn seine einzelnen
Aktivitäten auf sachlogisch nachvollzieh-
baren Hypothesen beruhen, empirisch
validiert worden sind oder im intersub-
jektiven Diskurs methodisch überprüft
werden können. Auch dabei werden nicht
immer hundertprozentige Lösungen ent-
stehen, aber Verfahrensweisen, deren
Prinzipien und vermeintliche Effekte ein-
deutig widerlegt werden konnten, gehö-
ren nicht in die Personalarbeit. Für mich
ist die Eignungsdiagnostik dafür ein gutes
Beispiel. Hier gibt es neben diversen un-
seriösen Angeboten längst auch wissen-
schaftlich fundierte und auf den betriebli-
chen Zweck fokussierte Angebote.
Interview: Bärbel Schwertfeger
r
Der große Rundumschlag trifft auch die Systemiker
Viktor Lau fordert eine „solide“ Per-
sonalentwicklung, die „betriebsge-
richtet“, „rechtskonform“, „kontrol-
lierbar“ und „evidenzbasiert“ ist.
Nicht in ein Unternehmen gehören
seiner Meinung nach zum Beispiel
„große Teile“ der systemischen
Beratung. Die Systemiker beriefen
sich zwar auf große Wissenschaftler
wie Luhmann, Maturana oder von
Foerster, aber für die Praxis hätte
das keine substanziellen Folgen.
Die Systemiker nutzten konventionelle Erhebungstechni-
ken, Kennzahlensysteme und Managementmodelle wie die
traditionellen Berater auch. Die einzigen neuen Interventio-
Schwarzbuch.
Vom Kampf gegen „krypto-therapeutische Heilslehren“ wie NLP, Organisations-
aufstellungen, Teile der systemischen Beratung, Transaktionsanalyse oder Zen-Meditation ...
nen der systemischen Organisationsberater stammten aus
der systemischen Familientherapie und hätten in einem
Unternehmen nichts zu suchen (zum Beispiel paradoxe
Interventionen).
Lau warnt vor einer „sachlich, methodisch und ethisch
nicht zulässigen Therapeutisierung der Organisationsbera-
tung“ und er glaubt, dass durch die systemische Beratung
derzeit ein esoterischer Trend zur „Spiritualität“ (die „Aus-
baustufe der systemischen Beratung“) im Management
massiv gefördert werde. Gute Beratung sei aber niemals
spirituell, weil das gegen die Erfordernisse verantwortungs-
voller, evidenzbasierter Unternehmensführung verstoße.
Viktor Lau:
Schwarzbuch Personalentwicklung – Spinner
in Nadelstreifen, Steinbeis-Edition, Stuttgart 2013,
328 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-943356-79-3
Dr. Viktor Lau,
Jahrgang 1966, derzeit
Leiter der Personal- und Organisationsent-
wicklung einer Landesbank.