Seite 38 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_09

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training und coaching
38
wirtschaft + weiterbildung
09_2013
Systemische Beratung, Transaktionsana-
lyse, NLP und Persönlichkeitstests – für
Sie gehört das alles zu einer von Ihnen so
genannten „Managementesoterik“.
Übertreiben Sie da nicht etwas?
Dr. Viktor Lau:
Mittlerweile bin ich fast 20
Jahre im Bereich Weiterbildung und Per-
sonalentwicklung in verschiedenen Un-
ternehmen tätig und habe schon viel Ab-
sonderliches erlebt. Bei einer Bank wur-
den Führungskräfte mit Schwertwalen
trainiert, bei einer Beratung wurden neue
Mitarbeiter erst einmal verpflichtend zu
einem fragwürdigen Psycho-Seminar am
österreichischen Mondsee geschickt. Da
hat sich längst eine unheilvolle Manage-
mentesoterik mit obskuren Angeboten
ausgebreitet und in der betrieblichen Per-
sonalentwicklung wird zu häufig mit irra-
tionalen Techniken und Methoden gear-
beitet. Das ist für mich ein Verstoß gegen
die Prinzipien der aufgeklärten Moderne.
Daneben gibt es natürlich auch noch eine
rationale Seite.
Sie meinen die Gelder, die die
Unternehmen dafür ausgeben?
Lau:
Personaler geben zu viel Geld aus
für Dinge, die keinen empirisch abgesi-
cherten Hintergrund haben und für die
es keine überzeugenden Wirkanalysen
gibt. Das ist das Geld, das von den Mit-
arbeitern verdient werden muss. In vielen
Betrieben herrscht eine erschreckende
Ahnungslosigkeit. Personalmanager ver-
fügen oft nicht über die erforderliche Qua-
lifikation für den professionellen Umgang
mit externen Dienstleistern wie Beratern,
Trainern und Coachs. Das sind ideale Vor-
aussetzungen für den Erfolg fragwürdiger
Sind Deutschlands Trainer
„Spinner in Nadelstreifen“?
Therapie und esoterik in Training und Coaching.
In diesem Sommer tauchte
plötzlich ein Buch mit dem Titel „Schwarzbuch Personalentwicklung“ auf, das dem
Aufregerbuch „Die Weiterbildungslüge“ aus dem Jahr 2008 in nichts nachsteht. Im
aktuellen „Schwarzbuch“ rechnet der Personalentwickler Dr. Viktor Lau mit aus seiner
Sicht fragwürdigen Methoden in Training, Coaching und Personalauswahl rigoros ab.
Foto: Ambrophoto / shutterstock.de
Angebote. Führungskräfte gehören nicht
in Pferdeställe, neue Mitarbeiter dürfen
nicht danach ausgewählt werden, ob sie
„blaue“, „grüne“ oder „rote“ Typen sind,
und psychotherapeutische Halbwahrhei-
ten gehören nicht in die betriebliche Wei-
terbildung. Damit werden die rationalen
Grundlagen der Unternehmensführung
unterlaufen und die Menschenrechte der
Beschäftigten missachtet.
Wer besser führen will, muss sich auch
selbst kennen. So ganz ohne Persönlich-
keitsentwicklung geht es nicht, oder?
Lau:
Zu einer guten Führungskräfteent-
wicklung gehören für mich drei Dinge.
Erstens die Rollenreflexion, also was hat
Führung mit mir zu tun. Will ich über-
haupt eine Führungskraft sein? Zweitens
die Sensibilisierung für das Umfeld, für
Mitarbeiter, Strukturen und Prozesse
sowie drittens die Befähigung, damit ad-
äquat umgehen zu können. Dazu gehö-
ren Dinge wie professionelle Gesprächs-
führung, Feedback oder Zielvereinbarun-
gen. Also recht unspektakuläre Dinge.
Aber Elemente aus der Psychotherapie
sind heute Bestandteile fast aller
Methoden in der Weiterbildung ...
Lau:
Das ist das Problem. Psychothera-
peutische Modelle, Konzepte und Ver-
satzstücke gehören nicht in personalwirt-
schaftliche Verfahren, weder in die Per-
sonalauswahl noch in die Weiterbildung
oder die Personalentwicklung, zumal das
oft auch ohne Einwilligung der betroffe-
nen Mitarbeiter geschieht. Dazu kommt,
dass die meisten Trainer und Coachs über
keine solide psychotherapeutische Aus-
bildung verfügen. So mancher versucht
sogar die eine oder andere biografische
Panne, zum Beispiel das abgebrochene
Studium, durch pseudoakademische Wei-
terbildungen zu kompensieren. Häufig
findet man auch Betriebswirte, Techniker
oder Informatiker, die in ihrer Lebens-
mitte plötzlich die große weite Welt der
Psyche entdecken.
Auf Ihrer Negativliste steht auch das
Neuro-Linguistische Programmieren
(NLP). Warum?
Lau:
NLP ist „die“ Psychotechnik der
Personalentwicklung und das schon seit
Jahrzehnten. Dabei ist es in Wirklichkeit
nichts anderes als eine Amalgamierung
von ungeprüften Hypothesen und Ver-
satzstücken des Positiven Denkens. Dass
NLP trotz jahrzehntelanger Praxis keine
einzige ernst zu nehmende empirische
Bestätigung erfahren hat, stört offenbar
niemanden. In Deutschland hat sich NLP
therapeutisch nicht durchgesetzt, nur
im betrieblichen Kontext. Dabei wurden
sogar alle wesentlichen Prinzipien dieser
Psychotechnik wie die Augenbewegungs-
these, wonach die Blickrichtung anzeigen
soll, ob man eher ein visueller oder audi-
tiver Typ ist, oder die funktionale Tren-
nung des Gehirns in zwei Hemisphären
eindeutig widerlegt. Gerade mit neueren
Entwicklungen treibt NLP immer seltsa-
mere Blüten.
Welche meinen Sie?
Lau:
Noch brisanter ist „Wingwave“,
eine Kombination von NLP mit der Ki-
nesiologie und EMDR (Eye Movement
Desensitization and Reprocessing), also