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09_2013
wirtschaft + weiterbildung
25
Verantwortungskultur. Ich zahle horrend
viel Steuern, aber ich kenne meinen Fi-
nanzbeamten nicht! Er schickt mir jedoch
irgendwelche anonymisierten forma-
len Mahnungen, die ich nicht verstehe.
Eigentlich sollte der mich anrufen und
sagen: „Herr Precht, kommen Sie doch
mal auf einen Kaffee vorbei. Ich habe hier
so ein kleines Problem entdeckt.“ Das gilt
für Firmen, das gilt für Schulen und das
gilt auch für die gesamte Verwaltung.
Und es setzt sich fort in Bereichen, über
die wir bislang noch gar nicht gesprochen
haben: Die duale Ausbildung wie auch
das Hochschulstudium sind nach dem
Bologna-Prozess heute stark verschult ...
Precht:
Das war eine Fehlentwicklung.
Die Wirtschaft hat dies mehrheitlich un-
terstützt, weil Unternehmen bemängelt
haben, dass die deutschen Studenten zu
alt sind und damit zu spät in den Beruf
einsteigen. Deswegen waren viele für G8
und auch viele für die Verschulung der
Studien. Mittlerweile hat sich das Blatt
aber vollkommen gewendet: Die Mehr-
heit der Top-Manager, mit denen ich zu-
sammenkomme, halten gar nichts mehr
davon. Heute nehmen sie lieber in Kauf,
dass jemand vielleicht ein bisschen krum-
pelig studiert hat und zwei Jahre älter ist
als gewünscht, aber immerhin halbwegs
eine Persönlichkeit ist. Denn jetzt strö-
men Leute in die Betriebe, die vor allen
Dingen eins gelernt haben: wie sie sich
am geschicktesten durchwurschteln. Das
ist aber nicht unbedingt die Fähigkeit, die
Unternehmen brauchen.
Glauben Sie, dass man das Ruder noch
herumreißen kann, wo die gesamte Ent-
wicklung in die falsche Richtung weist?
Precht:
Stimmt, im Zuge von „Pisa“ ist
sie jetzt zehn Jahre in die falsche Rich-
tung marschiert. Aber das haben ja nun
mittlerweile die allermeisten erkannt.
Also die Anzahl der Schulen, die von G8
wieder auf G9 gehen, wächst. An unseren
Universitäten wird sich in den nächsten
zehn, zwanzig Jahren ohnehin unfassbar
viel verändern. Und zwar durch E-Lear-
ning. Menschen in Amerika studieren
jetzt schon mit hervorragenden Software-
Programmen komplett zu Hause in ihrem
Wohnzimmer, um anschließend bei einer
Elite-Universität ihren Abschluss zu ma-
chen. Also ich glaube, dass Universitäten,
so wie sie jetzt sind, ohnehin nicht erhal-
ten bleiben.
Stichwort „Pisa“. Inwiefern ist es
möglich zu messen, wie es um die
Bildung in Deutschland bestellt ist?
Precht:
Das ist schwer. Es gibt bestimmte
Dinge, die können Sie berechtigterweise
messen. Zum Beispiel, wie viele Arbei-
terkinder in Deutschland machen Abi-
tur? Oder wie viel Prozent aller Kinder
(in Deutschland sind es sieben Prozent)
verlassen die Schule ohne irgendeinen
Schulabschluss? Schlittern also sofort in
eine kriminelle oder eben in eine Hartz-
IV-Karriere? Das können Sie messen.
Aber ich habe selber fünf Jahre lang in
der empirischen Qualitätsforschung in
der Pädagogik gearbeitet und danach ist
mir völlig klar, dass Sie Qualität nicht
wirklich messen können. Und zwar
aus folgendem Grund: „Pisa“ misst be-
stimmte Kompetenzen. Das war zunächst
ein guter Gedanke: Weg vom Wissen, hin
zu den Fähigkeiten – also wie gut kön-
nen 15-Jährige rechnen oder schreiben
im internationalen Vergleich. Nur können
Sie die Schulen anderer Länder schlecht
mit denen in Deutschland vergleichen.
In der Türkei ist es so, dass 15-Jährige,
die noch zur Schule gehen, Abitur ma-
chen. Alle anderen sind gar nicht mehr
in der Schule. In Deutschland sind aber
alle 15-Jährigen noch schulpflichtig. Das
heißt, Sie messen bei uns die Leistungen
der Hauptschüler mit und so gewinnen
die Türken bei „Pisa“. Das ist natürlich
albern. Die Dänen haben ihre Legasthe-
niker erst gar nicht zu den Rechtschreib-
tests geschickt. Die asiatischen Länder
haben ihre Schüler vorab auf die Tests
vorbereitet, sodass sie anschließend
super abgeschnitten haben. Aber es gibt
noch ganz andere Probleme. Die Schule
soll ja nicht nur Fähigkeiten im Rechnen
und Schreiben vermitteln, sie dient auch
zur Persönlichkeitsentwicklung. Folglich
interessiert auch: Wie gerne geht jemand
in die Schule, wie gerne lernt er? Oder
eine der wichtigsten Fähigkeiten über-
haupt: Hat er gelernt, selbst zu lernen?
Wie wollen Sie denn das messen?
Wozu brauchen wir denn überhaupt
Schulen?
Precht:
Zum Wissenserwerb allein benö-
tigen Sie keine Schule. Wenn ich meinen
Sohn zu Hause unterrichten würde, er-
hielte er eine viel bessere Bildung als in
der Schule. Aber nur in der Schule lernt
er, mit anderen klarzukommen. Mit sich
und mit anderen, in verschiedenen Al-
tersphasen, einschließlich Pubertät und
allem, was dazugehört. Sich zu einer so-
zialen Persönlichkeit zu trainieren, die ge-
lernt hat, später mit allem im Leben und
im Berufsleben umzugehen, auch mit
Fehlern. Das ist der Grund, warum wir
überhaupt noch Schulen brauchen.
Interview: Petra Jauch, Stefanie Hornung
„Wenn Sie aber wahnsinnig fleißig sind, in der
Schule und im Studium, ist das Zeit, die Ihnen
zur Persönlichkeitsreifung fehlt.“
Veranstaltungstipp.
Warum die
Wirtschaft zum Beispiel das „G8“
und die Verschulung des Studi-
ums kritisch sehen sollte und
wie die Reparaturmaßnahmen in
der betrieblichen Weiterbildung
aussehen könnten – damit wird
sich Precht in seinem Keynote-
Vortrag „Der Wert der Bildung für
die zukünftige Gesellschaft“ auf
der Messe „Zukunft Personal“
beschäftigen.
Ort:
Messe „Zukunft Personal“ in
Halle 2.2 der Messe Köln
Zeit:
Mittwoch, 18. September
2013, 9.30 – 10.30 Uhr. Anschlie-
ßend findet ein „Public Interview“
mit dem Referenten statt.
Weitere Informationen:
Precht kommt zur
„Zukunft Personal“