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wirtschaft + weiterbildung
09_2013
titelthema
che gilt für die Entscheidungsfindung,
eine ebenfalls sehr wichtige Aufgabe für
Führungskräfte. Wie treffe ich Entschei-
dungen? Wie gehe ich mit Menschen um?
Diese Fähigkeiten müssen wir gezielt in
Projekten trainieren.
In Unternehmen ist gerade der Punkt
„Wie gehe ich mit Menschen um?“
wichtig. Wir erleben ja sehr häufig, dass
Top-Manager hier versagen.
Precht:
Die sind ja auch fast alle fehl-
ausgebildet. Die haben eine Elite-Uni
besucht, eine Zusatzqualifikation erwor-
ben und noch dieses oder jenes Zertifi-
kat. Das schaffen Sie nur mit ganz viel
Fleiß. Wenn Sie aber wahnsinnig fleißig
sind, in der Schule und im Studium, ist
das Zeit, die Ihnen zur Persönlichkeitsrei-
fung fehlt. Wenn mein Kind den ganzen
Tag pauken muss, kann es keine Zeit mit
seinen Kameraden verbringen, zum Bei-
spiel auf dem Fußballplatz, wo man so-
ziale Regeln lernt, wo man Fairness lernt,
wo man lernt, Mannschaften zu bilden
oder andere zu motivieren. Je mehr Zeit
Heranwachsende zur Bewältigung des
Schulstoffs benötigen, desto weniger Zeit
haben sie, andere Fähigkeiten auszubil-
den. Deswegen müssen wir die Stoff-
menge dramatisch reduzieren.
Lässt sich die verfehlte Schulausbildung,
insbesondere im Hinblick auf Führungs-
qualifikationen, durch berufliche
Weiterbildung oder Online-Studien
kompensieren?
Precht:
Vielleicht ein bisschen. Aber
wenn man sich die Führungskräfte in
Deutschland wie auch in anderen Län-
dern genauer anschaut, dann stammen
die meisten aus höhergestellten Eltern-
häusern. Diese Fähigkeiten lernen diese
Menschen normalerweise zu Hause, die
gucken sie sich von ihrem Vater ab. Die
lernen sie mit ihren Geschwistern zusam-
men. Das soziokulturelle Klima, aus dem
sie kommen, das Umfeld ihrer Eltern,
spielt eine große Rolle. Der allergrößte
Teil der Führungskräfte in Deutschland
kommt aus Familien, in denen schon die
Eltern Führungskräfte oder auf höheren
Etagen beschäftigt waren. Die wenigen
Obermanns dieser Welt sind Ausnahmen.
Damit weisen Sie Eltern eine Vorbild-
oder auch Lehrerfunktion zu. Wie würden
Sie die Rolle des Lehrers in der künftigen
Gesellschaft beschreiben?
Precht:
Der Lehrer übernimmt die Verant-
wortung dafür, dass ein Kind alle wich-
tigen Kompetenzen erwirbt. Das heißt,
Schulen benötigen eine Verantwortungs-
kultur. Derzeit ist es ja so, dass ein Che-
mielehrer eine Klasse im achten Schuljahr
unterrichtet und im nächsten Jahr schon
wieder ein anderer. Und dieser Chemie-
lehrer, der die Klasse nur ein Jahr lang
hatte, weiß am Ende, wenn er die Noten
vergibt, teilweise nicht einmal die Namen
der Schüler. Er weiß nicht, warum der
eine Fünfen schreibt, warum dieser Schü-
ler nicht motiviert ist oder welche Pro-
bleme er ansonsten hat. So funktioniert
kein Unternehmen und so funktioniert
auch keine Schule!
Es müssen Bildungs- und Verantwor-
tungskulturen entstehen. Und deswegen
würde ich wie in jeder guten Firma auch
die Schulen in verschiedene Abteilungen,
in Lernhäuser untergliedern. So wie das
in englischen Colleges gemacht wird.
Da haben Sie dann Gryffindor und Sly-
therin, um es mit Harry Potter zu sagen,
die jeweils eine eigene Identität ausprä-
gen. Innerhalb dieser Lernhäuser sind
die Lehrer verantwortlich für ihre Schü-
ler und müssen sich rechtfertigen, wenn
diese die Schule nicht packen. Das ist
eine völlig andere Bindungs- und Verant-
wortungskultur. Meine Lehrer mussten
sich ja nicht rechtfertigen, wenn ich eine
schlechte Note geschrieben habe. Man
hätte aber fragen können, der Junge ist
doch nicht doof, wieso schreibt der eine
Fünf? Machen Sie so einen schlechten
Unterricht oder haben Sie nicht gemerkt,
dass er nicht mehr mitkommt? Das geht
natürlich leichter, wenn Sie keine gro-
ßen Klassenverbände haben. Auch um
diese Bindungskultur zu ermöglichen,
möchte ich die Klassenverbände nach
dem sechsten Schuljahr auflösen. Jeder
Schüler hätte dann ein Umfeld von etwa
15 Lehrern, die ihn vom ersten Schuljahr
an bis zur zehnten Klasse oder bis zum
Abitur begleiten. Die also die gesamte
Entwicklung des Kindes von Anfang an
mitbekommen und sich dafür mitverant-
wortlich fühlen.
Sehen Sie diese Verantwortungsdefizite
auch in den Unternehmen?
Precht:
Auch in der Wirtschaft gibt es
die Tendenz, Verantwortungskulturen
auszuprägen. Viele Unternehmen sind ja
hierarchisch geführt. Das ist nicht grund-
sätzlich verkehrt, aber sie dürfen nicht
anonymisiert sein. Je stärker die hierar-
chische Struktur, umso stärker muss die
Verantwortungskultur parallel dazu grei-
fen. Das heißt, ein Vorgesetzter muss für
seine Abteilung einstehen – und zwar
für jeden einzelnen Mitarbeiter. Wir wis-
sen alle, dass in einem Unternehmen,
in dem man sich mit seiner Abteilung
identifiziert, die Arbeitsleistung wesent-
lich höher ist, als wenn man Dienst nach
Vorschrift macht. Das ist auch der Grund,
warum unsere Bürokratie nicht funktio-
niert. Zum Beispiel beim Finanzamt, da
gibt es überhaupt keine Bindungs- und
r
Buchtipp.
Prechts jüngstes Buch „Anna,
die Schule und der liebe Gott“ erschien im
April 2013 im Goldmann Verlag, München
(351 Seiten, 19,99 Euro).
„Man könnte Lehrer fragen: Wieso schreibt ein
bestimmter Junge eine Fünf? Machen Sie so
einen schlechten Unterricht oder haben Sie nicht
gemerkt, dass er nicht mehr mitkommt?“