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09_2013
wirtschaft + weiterbildung
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ich die Klassenverbände nach dem sechs-
ten Schuljahr abschaffen und ab dann in
Projekten und über individualisiertes Ler-
nen unterrichten. Mathe und Physik lernt
man zum Beispiel am besten am Com-
puter. Ohne störende Klassenkameraden,
die nicht mehr folgen können, auf die der
Lehrer aber Rücksicht nehmen muss. Die-
ses System ist absolut ineffizient.
Dann sollten Kinder schon nach dem
sechsten Schuljahr wissen, was sie am
meisten interessiert und was sie
beruflich machen möchten?
Precht:
Nicht unbedingt. Ein Grundstan-
dard in Mathe und den anderen Fächern
wird ja in jedem Fall vermittelt. Das heißt,
wir definieren zwar keine Lehrpläne
mehr, aber Bildungsstandards. Darüber
hinaus kann jeder Schüler eigene Schwer-
punkte wählen, die allerdings nicht un-
verrückbar sind. Das heißt, wenn sich
seine Interessen ändern sollten, schwenkt
er eben um auf andersartige Projekte. Das
Schöne am individualisierten Lernen ist:
Jeder muss ein bestimmtes Niveau bis
zum 10. Schuljahr erreichen, aber es ist
jedem freigestellt, mehr zu machen. Es
gibt ja heute hochintelligente Lernsoft-
ware, gerade in den Naturwissenschaf-
ten, mit denen Sie im Grunde genommen
schon in der Schule Mathe studieren
können. Denn diese Lernsoftware, in der
Ihnen Nobelpreisträger höhere Mathe-
matik erklären, führt schon weit in den
Universitätsstoff hinein. Und damit hät-
ten wir eine Begabtenförderung, wie es
sie bislang in Deutschland gar nicht gibt.
In Ihrem Buch kritisieren Sie die
heutige Tendenz zum „Bulimie-Lernen“,
die im Zuge von G8 an den Gymnasien
vorherrscht, sprich, es werden enorme
Stoffmengen kurzfristig eingepaukt und
schnellstmöglich wieder vergessen. Wie
könnten wir denn nachhaltiger lernen,
zum Beispiel mit Kreativität?
Precht:
Kreativität können wir durch Pro-
jektarbeit verstärken. Dazu gibt es dieses
berühmte Missverständnis, Projektarbeit
sei Gruppenarbeit. Ich bin gar kein gro-
ßer Freund von Gruppenarbeit. Das kann
man machen, aber sie ist nicht besser als
andere Arbeitsformen. Mit einem Projekt
meine ich, dass Lehrer verschiedener Fä-
cher zusammen unterrichten. An einem
Projekt zum Klimawandel könnten sich
zum Beispiel der Erdkundelehrer, der So-
zialkundelehrer, der Physiklehrer und der
Chemielehrer beteiligen und gemeinsam
auf einen Sinnhorizont hinarbeiten. In
diesem Rahmen könnten sie den Schü-
lern kreative Aufgaben stellen. Biologie
würde ich mehr im Wald unterrichten als
in der Schule, um das Ganze mit Leben
und Sinn zu füllen. Es gibt ja schon Schu-
len in Deutschland, die das so machen,
Montessori-Schulen zum Beispiel, aber
auch private Eliteschulen. Die sind viel
mehr bei mir als bei den jetzt bestehen-
den öffentlichen Gymnasien.
Wie ließe sich denn das Thema Kreativi-
tät oder Projektlernen auf die Arbeitswelt
übertragen? Da geht es heute ja auch
darum, Innovationen zu fördern.
Precht:
Zunächst einmal müssen Sie eine
Sache schon ziemlich gut beherrschen,
um Kreativität darin zu entfalten. Und
zweitens müssen Sie eine Persönlichkeit
sein, die das Neue liebt. Das tun nur
wenige: Die allerwenigsten Menschen
werden davon getrieben, etwas Neues
zu erfinden oder zu machen. Das liegt
natürlich auch an unserem Schulsystem.
Denn wenn Schüler so veranlagt sind,
dann ecken sie im Regelfall an, weil das
den Lehrplan sprengt. An unseren Schu-
len wird in erster Linie konformistisches
Verhalten belohnt. Es ist ja nicht so,
dass wir das ab und zu nicht auch mal
bräuchten. Aber es ist nicht sehr persön-
lichkeitsfördernd, sondern eine eindimen-
sionale Ausbildung zum Sachbearbeiter.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat einmal
gesagt, an unseren Schulen werden die
Menschen zu Chefsekretärinnen ausgebil-
det. Sie bekommen von ihrem Chef ein
Sujet hingelegt, das sie einsortieren und
ablegen. So ist Schule.
In der modernen Arbeitswelt sind nun
aber vor allem Networking und
Kollaboration gefragt. Wie werden diese
Schlüsselqualifikationen erlernt?
Precht:
Indem man Menschen Dinge tun
lässt und ihnen Spielräume dafür gibt. Ich
stelle mir das, ehrlich gesagt, gar nicht so
schwierig vor. Ganz wichtig ist, die Welt
nicht mehr in Fächer einzuteilen. Die
Trennung von Mathematik und Physik ist
absurd, die Trennung von Biologie und
Chemie ebenfalls. Und wenn ich den Kli-
mawandel erklären will, muss ich auch
auf die sozialen Faktoren eingehen. Dass
wir den Unterricht so schematisieren, als
wäre die Welt ein Apothekerschrank, in
dem es lauter Fächer gibt, ist dem ver-
netzten Denken nicht zuträglich. Wir
müssten genau das Gegenteil trainieren.
Ihre Kritik an der Schule würden sicher
viele Unternehmen unterschreiben. Viele
beklagen, dass Berufseinsteiger heute
nicht gut lesen, schreiben und rechnen
können. Das ist aber noch nicht alles. Für
eine Führungslaufbahn gibt es überhaupt
keine Vorbereitung in der Schule. Wie
könnte sich das ändern?
Precht:
Eine ganz wichtige Qualifikation
von Führungskräften ist, sich gut ausdrü-
cken zu können, und zwar vor allen Din-
gen mündlich. Freie Vorträge halten, auf
Leute wirken durch die Kunst der Rede,
Leute überzeugen – das sind Dinge, die
kommen in der Schule nur am Rande vor,
weil Sie Mündliches schlechter objektiv
bewerten können als schriftliche Leistun-
gen. Wenn ich merke, dass ich mit mei-
nen Worten Eindruck machen kann, dass
ich mich gut oder sogar besser als andere
artikulieren kann, nimmt mein Selbstbe-
wusstsein zu. Das heißt, das ist aktive
Persönlichkeitsentwicklung.
Wittgenstein hat einmal gesagt, die Gren-
zen meiner Sprache sind die Grenzen
meiner Welt. Und da sollten wir sehen,
dass wir den Menschen frühzeitig ent-
grenzen. Es sollte zentrales Anliegen sein,
dass jemand klar denken kann, dass er
wunderbar frei und in der bestmöglichen
ihm zur Verfügung stehenden Form reden
kann. Solche Sachen müssen wir in der
Schule ganz stark trainieren. Das Glei-
„Es sollte zentrales Anliegen der Schule sein, dass
jemand klar logisch denken kann, dass er
wunderbar frei und in der bestmöglichen ihm zur
Verfügung stehenden Form reden kann.“