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wirtschaft + weiterbildung
09_2013
titelthema
Was sollten Jugendliche wissen oder
können, wenn sie die Schule verlassen?
Dr. Richard David Precht:
Schulabgänger
sollten sich mündlich und schriftlich so
gut wie möglich ausdrücken können, sie
sollten die Grundlagen der Mathematik
beherrschen, darunter Wahrscheinlich-
keits- und Zinsrechnung, sie sollten wis-
sen, in welcher Zeit sie leben, also ein
historisches Bewusstsein haben, sie soll-
ten über Politik und Wirtschaft informiert
sein und über Grundkenntnisse in Jura
verfügen. Zudem sollten sie mit künstleri-
schen und sportlichen Fähigkeiten, sofern
vorhanden, umgehen können.
Das klassische Allgemeinwissen?
Precht:
Die Betonung liegt nicht auf wis-
sen, sondern auf können. Das ist ein gro-
ßer Unterschied.
Derzeit ist vor allem vom Fachkräfteman-
gel in den sogenannten MINT-Fächern
die Rede. Sollten junge Menschen also
gezielt Kompetenzen in diesen Bereichen
entwickeln?
Precht:
Wir können schauen, welche
Tendenzen es gibt, aber wir können das
Schulsystem und seine Inhalte nicht maß-
gerecht für die Arbeitswelt schneidern.
Ich stimme aber zu, dass wir die Fähig-
keiten in den MINT-Fächern grundsätz-
lich verbessern sollten. Das schaffen wir
aber nur, wenn dies nicht von allen Schü-
lern erwartet wird. Denn es müssen ja
nicht alle Deutschen ein besonders hohes
Niveau in Mathe erreichen, sondern nur
diejenigen, die Ingenieure oder Physiker
werden wollen. Zu diesem Zweck würde
„Keine Lehrpläne definieren,
aber Bildungsstandards“
Interview.
Unser Schulsystem bereite junge Menschen höchst unzureichend auf das
Leben und die moderne Berufswelt vor, beklagt der Philosoph und Publizist Richard
David Precht in seinem jüngsten Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“. Woran
die Schule krankt und wie sie besser auf das Leben vorbereiten könnte, erklärt er in
diesem Interview.
Dr. Richard David Precht,
Philosoph, Publizist und Autor, bekam kürzlich für
seine kritischen Denkanstöße den Medienpreis „Sally 2013“ verliehen.
Foto: Tobias Oechler, OBS, Jahreszeitenverlag