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training und coaching
48
wirtschaft + weiterbildung
02_2013
ob er im Gespräch zurückspult oder an
der letzten Stelle weitermachen möchte
und setzt das Gespräch fort. Oft werden
die Helfer gar nicht genutzt. Die psycho­
logische Wirkung allerdings, nicht alleine
in dieser Rolle zu sitzen, bewirkt viel Ent­
lastung beim Hauptakteur, sodass er sich
gut fühlt und die Gesprächssituation als
durchaus realistisch erlebt.
4 Durch „Einrollen“
Praxisrelevanz steigern
Dieses Gefühl, nahe an der Realität zu
üben, hängt natürlich auch davon ab,
wie der Gegenspieler agiert. Insbeson­
dere, wenn das Zusammentreffen mit
einer bestimmten Person trainiert wird
– also nicht irgendeine Kundin gespielt
werden soll, sondern „die Schmidt, die
immer so schwer versteht, was ich ihr
erkläre, und mich damit wahnsinnig
macht.“ Dann ist es sehr wichtig, den
Gegenspieler gut in die Rolle hineinzu­
führen. Der Trainer bittet den Haupt­
akteur, der seine Kundin ja genau vor
Augen hat, sich jemanden aus dem Teil­
nehmerkreis auszusuchen, der für ihn
diese Kundin gut spielen könnte.
Dann bittet der Trainer auch noch um ein
paar Eckdaten (Alter, bisherige Kontakte,
familiärer Hintergrund oder was sonst
noch inhaltlich relevant sein könnte) und
sagt: „Zeigen Sie doch mal kurz, wie Frau
Schmidt dasitzt, wenn sie etwas nicht
versteht ...“, „Was genau sagt sie dann?“,
„Welche Formulierungen hören Sie sonst
noch oft von ihr?“. Der Gegenspieler ent­
scheidet, wann er genügend Informati­
onen bekommen hat. Zur Absicherung
kann der Hauptakteur gebeten werden:
„Wenn Frau Riegel die Frau Schmidt nicht
so darstellt, wie Sie es hier brauchen, un­
terbrechen Sie bitte und geben Sie ihr
weitere Informationen.“
5 Ausrollen nicht vergessen
Die Rolle des Gegenspielers ist tatsächlich
mit entscheidend dafür, mit welcher ge­
fühlten Praxisrelevanz und mit welcher
Tiefe ein Rollenspiel stattfindet. Teil­
nehmer machen es einander manchmal
zu leicht oder zu schwer. Da bietet sich
die Idee an, als Trainer in diese Rolle zu
schlüpfen. Das ist natürlich eine Möglich­
keit – aber eine schlechte. Zum einen ver­
liert der Trainer dadurch die Chance der
Außensicht (Welche gegenseitige Beein­
flussung findet im Gespräch statt? Wann
sollte man unterbrechen? Wie reagieren
die restlichen Teilnehmer?). Zum anderen
ist es manchmal schwer, eine solche Rolle
wieder loszuwerden.
Wenn der Trainer für den Rest des Semi­
nars in der Rolle von Frau Schmidt wahr­
genommen wird, ist das möglicherweise
nicht schlimm – möglicherweise aber
doch, wenn damit negative Emotionen
verbunden sind, die nun auf ihn projiziert
werden. Dies kann natürlich auch Teil­
nehmern passieren, die eine Rolle (über­
zeugend) dargestellt haben. Deshalb ist
es sehr hilfreich, am Ende der Übung ein
deutliches Verlassen der Rolle zu markie­
ren. „Und wenn Frau Riegel jetzt aufsteht,
dann bleibt ihre Rolle der Frau Schmidt
auf dem Stuhl und sie ist wieder die Teil­
nehmerin Anna Riegel ...“
6 Professionelle Seminar-
schauspieler einsetzen
Auch wenn Sie häufig positiv überrascht
wurden, welche schauspielerischen Fä­
higkeiten in dem einen oder anderen
Teilnehmer stecken, so geht doch nichts
über die Arbeit mit einem Profi. In den
Niederlanden gilt es mittlerweile als un­
professionell, ohne Seminarschauspieler
ein Rollenspiel durchzuführen. So weit
sind wir in Deutschland (noch) nicht.
Aber hoffentlich setzt sich die Arbeit mit
Schauspielern schneller als bisher auch in
unseren Trainings durch. Neben der pro­
fessionellen Darstellung des Gegenspie­
lers bietet die Arbeit mit einem fundiert
ausgebildeten Seminarschauspieler noch
ganz andere Möglichkeiten. Beherrscht er
das dreistufige Rollenspiel, so verschaf­
fen Trainer ihren Teilnehmern ein Aha-
Erlebnis, das auf keinem anderen mir be­
kannten Weg erreicht werden kann.
Die erste Stufe verläuft wie gewohnt: Der
Schauspieler wurde mit der Rolle vertraut
gemacht und stellt zum Beispiel den he­
rausfordernden Mitarbeiter im Jahresge­
spräch dar. Das Gespräch wird vom Teil­
nehmer in der Rolle als Führungskraft ein
paar Minuten lang geführt. Auf ein Signal
des Trainers hin endet diese erste Stufe
und es beginnt die zweite: Der Teilneh­
mer und der Seminarschauspieler tau­
schen die Rollen. Der Teilnehmer spielt
jetzt also den herausfordernden Mitarbei­
ter, der Schauspieler ist in der Rolle als
Führungskraft. Das eben geführte Ge­
spräch wird wiederholt und der Schau­
spieler lässt den Teilnehmer erleben, wie
sich dieser in der ersten Spielrunde ver­
halten hat.
Dadurch spürt derjenige, was er mit sei­
nem eigenen Verhalten beim Gegenüber
auslöst. Er merkt, wie er die Reaktionen
des anderen selbst erzeugt oder provo­
ziert, die er nicht erleben möchte. Nach
einem Austausch über diese Eindrücke
und Rückmeldungen zu anderen Wegen
in der Rolle als Führungskraft findet
die dritte Stufe des Rollenspiels statt, in
r
Foto: Benjamin Schulz
Sabine Heß,
die Autorin dieses Fachartikels, ist Inhaberin von „Trainingsart
3.0“ in Berlin (
e arbeitet seit über 20 Jahren als Trai-
nerin, Coach, Keynote-Speaker und bildet Trainer aus. Auf der „Zukunft Per-
sonal 2012“ hielt sie den viel beachteten Vortrag „Spielen S(s)ie eine Rolle?
Authentische Verhaltensänderung trotz oder mit Rollenspielen”.