Seite 47 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_02

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02_2013
wirtschaft + weiterbildung
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r
raum zu schaffen. Es geht also um die
Balance zwischen dem Einfordern von
Risikobereitschaft und der Absicherung,
sich nicht zu blamieren. Alles bisher Ge­
nannte dient dieser Balance: die Mög­
lichkeit des genussvollen Scheiterns mit
ganz viel Spaß, der fließende Übergang in
diese Methode, die Klarheit des Ablaufs.
Zudem lässt sich auch durch die konkrete
Vorgehensweise, also das Übungsdesign,
ein größerer Schutzraum kreieren, als
wenn die Spieler auf der Bühne vor den
Augen aller „einfach mal loslegen.“ Hier
helfen Kleingruppen, die zeitgleich Ge­
spräche üben.
Zum Beispiel beim „ABC-Training“ mit
einem Hauptakteur, einem Gegenspie­
ler und einem Beobachter. Diese Rollen
werden durchgewechselt. Es gibt jedoch
viele Gründe, die dafür sprechen, dass ein
Trainer die Aktivitäten aller Teilnehmer
erlebt und seine Rückmeldung zu jedem
Rollenspiel gibt. In diesen Fällen ist ein
Spiel vor der Gruppe unvermeidlich. Aber
auch dabei kann der Schutzraum vergrö­
ßert werden. So werden beim „Jeux de
Souffleur“ die Zuschauer zu Helfern.
Der Hauptakteur führt sein Gespräch
mit einem Gegenspieler vor der Gruppe
durch. Zum Beispiel befindet er sich als
Führungskraft in einem Mitarbeiterge­
spräch, in dem das Gehalt verhandelt
wird. Die Gesprächsziele des Teilnehmers
sind für die Gruppe transparent. In die­
sem Fall soll die Gehaltserhöhung nicht
erfolgen, der Mitarbeiter soll gleichzeitig
nach dem Gespräch bereit sein, an seiner
Zuverlässigkeit zu arbeiten.
Der Hauptakteur, der die Führungskraft­
rolle einnimmt, bekommt die Aufgabe,
das Gespräch so lange zu führen, wie er
sich entspannt und sicher fühlt. Sobald
sich das ändert (egal ob nach 30 Se­
kunden oder drei Minuten), hebt er ein
vorher bestimmtes Utensil hoch (zum
Beispiel eine Gabel). In diesem Moment
friert die Szene ein (Spieler und Gegen­
spieler bleiben in der gerade eingenom­
menen Haltung und warten ab) und
die restliche Gruppe ist gefragt. Die zu­
schauenden Teilnehmer haben jetzt die
Aufgabe, wie Souffleure konkrete Sätze
zu formulieren, die sie in der Rolle des
Hauptakteurs nutzen würden. Sie spre­
chen also nicht über die Situation („Also
ich würde jetzt an Deiner Stelle ...“), son­
dern als der Hauptakteur („Ich finde es
gut, dass Sie aktiv nach einer Gehaltser­
höhung fragen.“). Der eigentliche Haupt­
akteur hört den Souffleuren so lange zu,
bis er einen Satz gut findet. Dann senkt
er die Gabel und setzt mit diesem Satz
das Gespräch fort. Bis zur nächsten Un­
sicherheit, bei der er die Gabel einfach
wieder hebt. Neben der Entlastung für
den Hauptakteur hat dieses Vorgehen den
Vorteil, dass die restliche Gruppe beson­
ders intensiv am Geschehen beteiligt ist.
Meist sind die Souffleure regelrecht ent­
täuscht, wenn sich der Hauptakteur zu
lange wohl fühlt und ihre Dienste nicht in
Anspruch nimmt.
Ein weiterer wirkungsvoller Weg heißt
„zwei Stützen“, die dem Hauptakteur
an die Seite gesetzt werden. Das heißt,
rechts und links hinter dem Hauptspie­
ler sind zwei von ihm ausgewählte an­
dere Teilnehmer platziert. Wenn er nicht
weiterkommt, hat er die Möglichkeit, das
Spiel zu unterbrechen und diese Helfer
zu befragen, was sie ihm raten. Die Un­
terredung findet unter Ausschluss des
Publikums statt und der Hauptakteur
entscheidet nach dem kurzen Austausch,
Wie Schauspieler,
die
am Filmset in eine Rolle
schlüpfen, so spielen
auch Seminarteilnehmer
in Rollenspielen eine
fremde „Rolle“ – mit
beachtlichen Lernerfol-
gen, wenn das Setting
stimmt.