Seite 26 - wirtschaft_und_weiterbildung_2013_02

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Identifikation genereller
Wirkzusammenhänge (Theorien)
Großes „E“ („Wahrheit“)
Wissenschaft
Meta-
Analysen
Kontrollierte
Labor-/Feld-
experimente
Umfassende
Korrelations-
studien
Systematische
Verlaufs-
beob­achtung
Systema-
tische
Reviews
Systema-
tische
Evaluation
Experten-
befragung
Fallstudie
Praxis
Identifikation spezifischer
Vorgehensweisen (Instrumente)
Kleines „e“ („Nützlichkeit“)
personal- und organisationsentwicklung
26
wirtschaft + weiterbildung
02_2013
zusammenhänge in der Wissenschaft
und die Problemlösung sowie unmittel-
bare Nützlichkeit in der Praxis gegenüber.
Hinzu kommt, dass Forscher oft nicht die
Art von Problemen in komplexen Situa-
tionen behandeln, die in der Praxis auf-
treten. Und umgekehrt gehen Praktiker
häufig nicht hinreichend systematisch
und methodisch vor, um zuverlässige
Schlussfolgerungen über tatsächliche
Zusammenhänge zu ziehen. Briner und
Rousseau empfehlen vor diesem Hinter-
grund, EbM zu fördern, indem Praktiker
und Forscher gemeinsam Forschungsfra-
gen formulieren und in allen Phasen des
Forschungsprozesses zusammenarbeiten.
Unternehmensdaten durch
wissenschaftliche ergänzen
Dabei lässt sich zwischen der sogenann-
ten wissenschaftlich fundierten Evidenz
(großes „E“) und der organisationsspe-
zifischen Evidenz (kleines „e“) unter-
scheiden. Erstere bezieht sich auf verall-
gemeinerbare Ursache-Wirkungs-Zusam-
menhänge, die durch wissenschaftliche
Methoden gewonnen und überprüft wer-
den. Letztere bezieht sich auf Daten, die
systematisch in einer Organisation und
bestimmten Situation gesammelt wer-
den, um lokale evidenzbasierte Entschei-
dungen zu ermöglichen. Briner, Denyer
und Rousseau fügen weitere Informati-
onsquellen für Entscheidungen hinzu,
zum Beispiel die Expertise und das Urteil
der Praktiker und die Perspektive derer,
die von der Entscheidung betroffen sind.
Entscheidungsträger, die wissenschaftli-
chen Prinzipien vertrauen, sammeln häu-
fig auch organisationsbezogene Fakten
systematisch und bereiten sie auf („e“),
um anschließend angemessene Vorge-
hensweisen zu wählen. Aber das bedeu-
tet in vielen Fällen nicht, dass dabei auch
gleichzeitig wissenschaftliche Erkennt-
nisse über relevante Ursache-Wirkungs-
Gesetzmäßigkeiten („E“) zur Interpreta-
tion der Fakten herangezogen werden –
und das obwohl diese durchaus existieren
und allgemein zugänglich publiziert sind.
Würde evidenzbasiertes Wissen aus bei-
den Informationsquellen, der wissen-
schaftlichen und der praktischen Welt,
verbunden und integriert, wäre ein fun-
dierter und nützlicher, über das bisherige
Vorgehen hinausgehender Erkenntnisge-
winn zur Lösung organisationaler Pro-
bleme zu erwarten, wie Rousseau fest-
stellt. In der Abbildung unten sind einige
Methodenbeispiele zur Wissensgenerie-
rung und Wissensintegration dargestellt,
die zur Verbindung von sowohl wissen-
schaftlich fundierter als auch praktisch
nützlicher Evidenz geeignet sind.
Was heißt dies nun konkret für die evi-
denzbasierte Praxis? Im Folgenden wer-
den drei wesentliche Grundprinzipien der
evidenzbasierten Praxis erläutert, durch
deren Anwendung die für Management­
entscheidungen relevanten Stellgrößen
zum Erreichen wichtiger Ziele ermittelt
werden können. Zentral hierbei ist das
systematische Gewinnen von Fakten und
deren Verknüpfung mit persönlichen Er-
fahrungen sowie der Erfahrung anderer.
Erstes Prinzip: Externe Evidenz nutzen,
also generalisierbares Wissen über Ursa-
che-Wirkungs-Zusammenhänge, die für
Managementfragen bedeutsam sind und
durch wissenschaftliche Methoden ge-
wonnen wurden (großes „E“).
Zweites Prinzip: Interne Evidenz nut-
zen. Das sind Indikatoren lokaler und
firmenspezifischer Evidenz, die zum Bei-
spiel durch Ursachenanalyse oder andere
faktenbasierte Ansätze gewonnen wer-
den, um organisationale Entscheidungen
zu verbessern (kleines „e“).
Drittes Prinzip: Kollektive Intelligenz und
IT-Instrumente nutzen, mit deren Hilfe
sich Informationen sinnvoll verteilen
und bewerten lassen, um beispielsweise
einen fehlerhaften, übermäßigen oder zu
seltenen Gebrauch wirksamer organisati-
onaler Praktiken zu korrigieren.
Mit diesen drei Prinzipien können Fak-
toren und Stellgrößen identifiziert wer-
den, sodass sich systematisch bewer-
ten lässt, ob und in welchem Umfang
sich diese positiv auf das Erreichen der
gewünschten Zielkriterien auswirken.
Dabei ist es hilfreich, wenn eine Orga-
nisationskultur gepflegt wird, in der
evidenzbasierte Entscheidungsfindung
gefordert, gefördert und praktiziert wird
sowie die Teilnahme an entsprechenden
Recherchen, Untersuchungen und Wei-
terbildungsmaßnahmen selbstverständ-
lich ist.
Wie sich das Konzept im
HR-Bereich etablieren lässt
Damit EbM auch in Deutschland Fuß
fassen kann, ist es notwendig, dass sich
Führungskräfte im Personalwesen mit
wissenschaftlicher Evidenz vertraut ma-
chen, damit diese künftig in ihre Ent-
scheidungen miteinfließen kann.
Es ist unumstritten, dass große Diskre-
panzen zwischen wissenschaftlichen
r
Großes „E“ und kleines „e“
Überblick.
Einige Methodenbeispiele zeigen, wie sich Wissenschaft
und Praxis mithilfe des EbM miteinander verbinden lassen.
Quelle: Personalentwicklung 2013