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wirtschaft + weiterbildung
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denrates in Warschau) Czerniaków klar, dass er buchstäblich
nichts mehr zu sagen hatte. In den frühen Nachmittagsstun-
den sah man, dass die Miliz, so eifrig sie sich darum bemühte,
nicht imstande war, die von der SS für diesen Tag geforderte
Zahl von Juden zum Umschlagplatz zu bringen. Daher drangen
ins Getto schwer bewaffnete Kampfgruppen in SS-Uniformen
– keine Deutschen, vielmehr Letten, Litauer und Ukrainer. Sie
eröffneten sogleich das Feuer aus Maschinengewehren und
trieben ausnahmslos alle Bewohner der in der Nähe des Um-
schlagplatzes gelegenen Mietskasernen zusammen.“ Auf das
Ziel der Deportation kommt Reich-Ranicki erst in seinem „so
schlichten wie bedrückenden“ (Jury) Schlusssatz zu sprechen:
„Die Deportation hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck:
den Tod.“
„Eine Rede kann Gutes tun“
Aus der narrativen Verdichtung der Rede entspringe ihre höchst
überzeugende Wirkung, analysiert die Jury vom Seminar für
Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. „Die de-
tailgetreue, von subjektiven Wahrnehmungen und atmosphä-
rischen Eindrücken durchzogene Erinnerung führt den Zuhö-
rern die Grausamkeit der Judenvernichtung direkt vor Augen.“
Reich-Ranicki liefere eine kunstvolle und ergreifende, aber an
keiner Stelle pathetische Erzählung, die sich mit großer Sensi-
bilität gerade auch der Widersprüchlichkeiten der Ereignisse
annehme: „Zum Umsiedlungsbeschluss ertönen Strauß-Walzer
an einem warmen und sonnigen Sommertag; die Eheschlie-
ßung mit Reich-Ranickis Frau Teofila findet in äußerster Eile
und unter unmittelbarer Todesangst statt.“ Auf diese Weise er-
mögliche Reich-Ranicki seinen Zuhörern ein Nach-Empfinden,
das nur ein Zeitzeuge hervorrufen könne.
Die Rede, die teils mit brüchiger, teils aber auch mit gewohnt
kräftiger Stimme und dezidierter Gestik vorgetragen worden
sei, sei ein beeindruckender, kraftvoller und authentischer Bei-
trag zum Gedenken an den Holocaust in Deutschland. Dies
sei gerade in einer Zeit von eminenter Bedeutung, in der es
nur noch wenige Überlebende des Völkermords an den Juden
gebe und in der unser Land gleichzeitig unter dem Eindruck
rechtsextremen Terrors stehe. Je zynischer eine Gesellschaft
werde, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsre-
den wahrnehme, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öf-
fentliche Versprechungen reagiere, desto wichtiger sei es, daran
zu erinnern, dass eine Rede im tiefsten Sinne des Wortes Gutes
tun könne, schrieb Frank Schirrmacher, einer der Herausge-
ber der FAZ, nachdem er die Rede im Bundestag mitverfolgt
hatte. Rhetoriktrainer und Interessierte, die die Rede im Detail
analysieren wollen, können den kompletten Text unter
gedenkstunde/rede_ranicki.html auf der Homepage des Deut-
schen Bundestags nachlesen.
Martin Pichler
Marcel Reich-Ranicki
am 27. Januar 2012
als Zeitzeuge sitzend am Rednerpult des
Deutschen Bundestags (links) und als lei-
denschaftlicher Teilnehmer einer Diskussi-
onsrunde im Jahr 2006.
Foto: R. Orlowski / Getty Images