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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
Das Interview führte
Holger Schindler.
personalmagazin:
Inwiefern werden die
Ergebnisse der Studie die weitere Arbeit
des BMAS beim Thema „Demografie“
beeinflussen?
Mikfeld:
Das BMAS hat im Rahmen sei-
ner Projektförderung unter dem Dach
der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“
in der Vergangenheit die Umsetzung
tariflicher Vereinbarungen in einzel-
nen Branchen unterstützt und wird
dies auch in Zukunft tun – aktuell wer-
den beispielsweise die Tarifpartner im
Einzelhandel arbeitswissenschaftlich
begleitet. Dies ist angesichts der wach-
senden Herausforderung zur Sicherung
der Fachkräftebasis für viele Branchen
eine große Chance, weil sich ihre Unter-
nehmen für qualifizierte Fachkräfte als
zukunfts- und mitarbeiterorientierte Be-
triebe aufstellen und ihr Profil schärfen
können. Das Angebot der Politik steht,
Tarifpartner aus weiteren Branchen auf
ihrem Weg zu unterstützen.
BENJAMIN
MIKFELD
ist
Abteilungsleiter für
Grundsatzfragen
des Sozialstaats im
BMAS.
bereits in die betriebliche Wirklichkeit
überführt wurden. Aus Sicht der Arbeit-
nehmer sind es hingegen nicht einmal
die Hälfte (44 Prozent).
Während die Arbeitgeber den drin-
gendsten Umsetzungsbedarf bei der
Arbeitszeitgestaltung sieht, kommt
dieser Aspekt bei den Arbeitnehmern
erst auf Platz fünf. Bei ihnen steht ganz
oben auf der To-do-Liste die Frage der
Arbeitsbedingungen und der Gestaltung
der Arbeit. Diese landet bei den Arbeit-
gebern immerhin auf Platz zwei. Kon-
sens besteht darin, dass bei den Themen
„Gesundheitsförderung“ und „Alters-
übergang“ noch einiges getan werden
muss, um die Vereinbarungen in die Tat
umzusetzen. Ein weiteres Thema haben
beide Tarifparteien jeweils für sich al-
leine auf der Agenda. Die Arbeitgeber
sehen nämlich noch bei den alternsge-
rechten Berufsverläufen Handlungsbe-
darf, während die Arbeitnehmer denken,
man sollte das Thema „Qualifizierung
und Kompetenz“ anpacken. Basis all
dieser Aussagen sind 44 qualitative In-
terviews mit Verhandlungspartnern auf
Betriebs- und Branchenebene.
Fazit: Der erste Schritt ist getan
Die elf Demografie-Tarifverträge, wel-
che die Inqa-Studie betrachtet, werden
deutlich positiv wahrgenommen – von
den Arbeitgebern ebenso wie von den
Arbeitnehmern. Viele der Befragten se-
hen darin einen ersten wichtigen Schritt
in die richtige Richtung – hin zur be-
wussten, abgestimmten Bearbeitung der
demografischen Herausforderung. Die
Betriebe haben den Eindruck, dass sie
dadurch gestärkt werden und besser für
die Zukunft gerüstet sind. Es scheint al-
lerdings, dass die Umsetzung der in den
Verträgen vereinbarten Regularien und
Mechanismen in der Praxis nicht im-
mer leicht fällt – insbesondere auch we-
gen ihres finanziellen Aspekts. Zudem
müssen die Regeln an einigen wichtigen
Punkten offenbar noch verfeinert oder
überarbeitet werden.
den Unternehmen und die Sozialpart-
ner gefordert. In einigen Branchen ist
man hier schon weit vorangekommen,
diese Fragen auch in Tarifverhandlun-
gen zu thematisieren. Das ist aus Sicht
des BMAS ein vielversprechender Weg,
die Qualität von Arbeit flächendeckend
zu verbessern. Mit dem neuen Monitor
Demografie-Tarifverträge wollten wir
versuchen, die vorhandenen Tarifverträ-
ge hier etwas transparenter zu machen.
personalmagazin:
Inwiefern haben die Re-
sultate der Untersuchung Sie überrascht?
Mikfeld:
Wichtig ist: Der Inqa-Monitor
erhebt nicht den Anspruch, einen reprä-
sentativen Überblick über die bestehen-
den Tarifverträge zu liefern, die sich mit
qualitativen Aspekten befassen. Es ging
vielmehr darum, die Spannbreite des-
sen anschaulich zu machen, was heute
schon in der deutschen Tariflandschaft
an Vereinbarungen existiert. Vor allem
zwei Punkte sind uns dabei sehr positiv
aufgefallen: Zum einen war dies, dass
unter den fünf Top-Nennungen auf die
Frage, welche Themen bei der Umset-
zung in den Betrieben die größte Priori-
tät erhielten, vier klassische Themenfel-
der zur Gestaltung von Arbeit die Nase
vorn hatten. Erst an fünfter Stelle stehen
Fragen zur Organisation des Übergangs
älterer Beschäftigter in den Ruhestand.
Ein solches Ergebnis hätte es noch vor
wenigen Jahren so wohl kaum gegeben.
Und zum zweiten werden in vielen der
tariflichen Vereinbarungen ganz kon-
krete Aussagen zur Finanzierung der
Maßnahmen gemacht, wie also Maß-
nahmen wie zum Beispiel Altersstruk-
turanalysen finanziert werden. Hier
werden also nicht nur luftige Vorgaben
gemacht, sondern wirklich tragfähige
Rahmenbedingungen geschaffen.
HOLGER SCHINDLER
ist freier Journalist in
Freiburg.