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TITEL
_TARIFVERTRÄGE
personalmagazin 02 / 15
aus. Beide Seiten erteilen hier eine 1,7.
Dass der schon erwähnte Imageeffekt
auch förderlich für das Anwerben und
die Bindung von Mitarbeitern ist, denkt
eine Mehrheit der Befragten. Für knapp
57 Prozent von ihnen spielt der Demo-
grafie-Tarifvertrag hierbei eine große
oder sehr große Rolle. Da ist es auch
nachvollziehbar, dass 81 Prozent der Be-
fragten aus den Reihen der Tarifparteien
auf dem eingeschlagenen Weg weiterge-
hen wollen und auch künftig das Thema
„Demografie“ auch via entsprechenden
Tarifvereinbarungen angehen wollen.
Inhaltlich befassen sich die betrach-
teten Tarifverträge bisher überwiegend
mit den Themen „Qualifizierung“, „Ar-
beitszeitgestaltung“ und – mit leichtem
Abstand – auch mit Fragen der Gesund-
heitsförderung. Insgesamt differenziert
die Studie 13 verschiedene Themen-
felder, die in den Verträgen behandelt
werden. Befragt nach den wichtigsten
konkreten Wirkungen der Verträge vor
Ort, melden die Betroffenen noch wei-
tere Aspekte zurück: Die größte Aus-
wirkung der Verträge ist demnach, dass
sie eine allgemeine Sensibilisierung für
das Demografiethema mit sich gebracht
haben. Auch, dass sie einen geregelten
Übergang in den Ruhestand ermögli-
chen und für eine Systematisierung
und Konkretisierung der vorhandenen
Maßnahmen zum Thema „Demografie“
sorgen, wird häufig genannt.
Wo es noch hakt
Doch nicht alles ist rosig. In den Un-
ternehmen sieht man durchaus auch
Grenzen und Schwachpunkte bei den
Demografie-Tarifverträgen. Der heikels-
te Punkt ist offenbar das liebe Geld: Das
Problem ausreichender Budgets für die
in Verträgen angepeilten Ziele und ver-
einbarten Maßnahmen wird sowohl auf
Betriebsebene als auch auf Ebene der
Tarifparteien als eine ganz wesentliche
oder sogar die größte Herausforderung
für die Zukunft gesehen – mit entspre-
chendem Bedarf für Nachjustierungen.
Auf Ebene der Tarifparteien betrachtet
man außerdem die Frage der Arbeits-
zeitgestaltung als wichtigen offenen
Posten für künftige Verhandlungen. Auf
Betriebsebene hingegen ist es das The-
menfeld „Prävention und Gesundheit“,
wo man trotz Demografie-Tarifvertrag
am ehesten noch Nachholbedarf sieht.
Erhebliche Umsetzungslücken
Dazu passt, dass die Betriebe nach ei-
genen Angaben gerade dem Aspekt der
Gesundheitsförderung bei der Umset-
zung der Verträge höchste Priorität ein-
räumen. Auf der Prioritätenliste folgen
danach in absteigender Reihenfolge die
Themen „Vereinbarkeit von Beruf und
Freizeit“, „Arbeitsbedingungen und
Arbeitsgestaltung“, „Arbeitszeitgestal-
tung“ und schließlich „Übergang vom
Arbeitsleben in den Ruhestand“.
Alles in allem sehen Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerseite gleichermaßen noch
erhebliche Umsetzungslücken, was die
Regelungen der Tarifverträge betrifft. Al-
lerdings ist die wahrgenommene Lücke
nicht gleich groß. Die Arbeitgeber geben
an, dass in ihren Augen bisher etwa zwei
Drittel (65 Prozent) der Vereinbarungen
personalmagazin:
Was hat das BMAS
veranlasst, über die „Initiative Neue
Qualität der Arbeit“ nun gerade
Demografie-Tarifverträge und damit
speziell die eher weichen, qualitativen
Aspekte von Tarifeinigungen unter die
Lupe zu nehmen?
Benjamin Mikfeld:
Für die meisten Ar-
beitnehmer sind der Lohn und die
Arbeitsplatzsicherheit immer noch die
wichtigsten Aspekte guter Arbeit. Da
es über das Instrument der Tarifverträ-
ge allein nicht mehr möglich war, am
unteren Rand auskömmliche Löhne
sicherzustellen, haben wir den gesetz-
lichen Mindestlohn eingeführt. Umge-
kehrt gibt es aber noch viele Branchen
mit starken Tarifpartnern und neben
den vermeintlich harten Themen wer-
den vermeintlich weiche zunehmend
wichtiger für Arbeitnehmer – und
auch die Arbeitgeber. Erstere wollen
ihre Beschäftigungsfähigkeit erhalten
und ihre Arbeitszeit den Lebensum-
ständen anpassen. Letztere müssen
angesichts des technologischen und
des demografischen Wandels sicher-
stellen, dass sie auch in Zukunft ge-
nügend gut ausgebildete, gesunde und
motivierte Fachkräfte haben. Investi-
tionen in die Qualifikationen und die
Beschäftigungsfähigkeit der Beleg-
schaften und ein Führungsverständ-
nis, das Kompetenzen und Talente bei
den Beschäftigten sucht, einbezieht
und fördert – das sind künftig mehr
denn je wesentliche Stellschrauben für
unternehmerischen Erfolg. Die Politik
kann hier nur bedingt gestalten, denn
es sind in erster Linie die Akteure in
„Die Sozialpartner sind hier gefordert“
INTERVIEW
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat die Inqa-Studie voran-
getrieben. Der für die Untersuchung zuständige BMAS-Abteilungsleiter Benjamin
Mikfeld spricht über die Hintergründe der Analyse.
Nicht alles ist rosig. Aus
Sicht der Unternehmen
haben die Tarifverträge
durchaus auch Grenzen
und Schwachpunkte.
Heikel ist insbesondere
die Frage der Budgets.