Seite 22 - personalmagazin_2014_09

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_AUSBILDUNG
personalmagazin 09 / 14
abhängt. Das heißt: Sowohl geschlech-
terbezogen, sozioökonomisch als auch
ethnisch bestehen Ungerechtigkeiten.
Dies führt zum zweiten Zwischenfa-
zit: Die Vergabepraxis von Noten und der
Zugang zu Bildungsabschlüssen bilden
keine fairen, leistungsgerechten Aussa-
gen über die tatsächlichen Fähigkeiten
einer Person ab.
Kein guter Prädiktor
Durch den eingeschränkten Leistungs-
bezug sind Noten im Grunde bereits als
Auswahlkriterium disqualifiziert, da
gerade die ihnen mutmaßlich zugrunde
liegende Leistungsfähigkeit für Einstel-
lungsentscheidungen interessiert. Kein
Wunder, dass sich schon wenige Jahre
nach Berufseintritt die Leistungsunter-
schiede ehemals guter und schlechter
Schüler nivellieren. Die Prognosegüte
sinkt daher erheblich über die Jahre:
Laut einer Metaanalyse von Roth und
Kollegen aus dem Jahr 1996 ist beispiels-
weise ein Jahr nach Studienabschluss
der Zusammenhang der Abschlussnote
zu beruflichem Erfolg mit einer Korre-
lation von r = 0,45 noch als mittelhoch
bis stark zu bezeichnen, nach sechs
Jahren hingegen mit ­r = ­0,11­ nur noch
als schwach. Sprich: Während direkt
nach dem Studienabschluss noch ein
substanzieller Zusammenhang besteht,
verschwindet dieser mit den Jahren be-
ruflicher Erfahrung. Gerade eine lang-
fristige Prognose, weniger der kurzfristi-
ge Erfolg, sind jedoch für die betriebliche
Auswahl von Interesse. Schließlich wird
nicht zum Selbstzweck der Ausbildung
eingestellt, sondern um langfristig dem
Fachkräftemangel
entgegenzuwirken
und den Unternehmensbestand zu si-
chern.
In Zahlen drückt sich dies so aus: Der
Zusammenhang von Noten und Ausbil-
dungserfolg ist nach einer Metaanalyse
mit r = 0,41 gut; er sinkt aber für all-
gemeinen Berufserfolg auf Werte, die
durchweg unter r = 0,20 liegen, wie aus
dem Übersichtskapitel zu Noten von
Heinz Schuler, erschienen im Hand-
wörterbuch „Pädagogische Psychologie“
von 2010, hervorgeht. Die Prognose des
Berufserfolgs über Noten bleibt also
deutlich hinter anderen Verfahren wie
Leistungstests oder Interviews zurück.
Vor dem Hintergrund, dass Noten oft die
erste Auswahlstufe sind, ist das beson-
ders verheerend. Siebt man so doch mit
einem für diesen Zweck ungeeigneten
Verfahren viele geeignete Bewerber aus.
Als drittes Zwischenfazit lässt sich
somit festhalten: Mit Schulnoten kann
Ausbildungserfolg gut prognostiziert
werden, Berufserfolg hingegen deutlich
schlechter.
Situation an Hochschulen nicht besser
Für Hochschulzeugnisse besteht ein
weiteres Problem, für das der Deutsche
Wissenschaftsrat den Begriff „Notenin-
flation“ geprägt hat. Diese Noteninfla-
tion äußert sich darin, dass knapp 80
Prozent aller Absolventen die Zensuren
„gut“ oder „sehr gut“ erhalten (diese
und alle folgenden Zahlen beruhen auf
dem Prüfbericht des Deutschen Wissen-
schaftsrats). Zudem bestehen starke Un-
terschiede zwischen Fächern, Abschlüs-
sen und Studienorten: Während 2010
nur sieben Prozent der juristischen
Staatsexamina mit besser als befrie-
digend bewertet wurden, erhielten 98
Prozent der Diplom-Biologen die Note
„gut“ oder besser, was eine Nutzung
der Abschlussnote bei Bewerbern ver-
schiedener Fachgebiete für eine Stelle
unmöglich macht. Auch die Spanne
der Diplom-Notendurchschnitte ist sehr
breit und reichte zum Beispiel in Wirt-
schaftswissenschaften (Wiwi) an staatli-
chen Universitäten von 1,9 an der Uni
Gießen bis 2,8 an der TU Braunschweig.
Ein Extrembeispiel illustriert die prak-
tische Problematik hiervon: An der
privaten Universität Witten-Herdecke
liegen 70 Prozent aller Wiwi-Abschlüs-
se zwischen 1,1 und 1,5, nur etwa zwei
Prozent sind schlechter als 1,7. In ganz
Deutschland erzielen hingegen ledig-
lich circa 15 Prozent der Studenten in
Wirtschaftswissenschaften eine bessere
Abschlussnote als 1,8. Durch das ver-
meintlich objektive Mindest-Kriterium
„Diplomnote besser 1,8“ würde man
85 Prozent der gesamtdeutschen Wiwi-
Studenten ablehnen, aber selbst die
schlechtesten Wittener zulassen.
Hochschulnoten geben also keine
Rückmeldung über die tatsächliche
Leistungsfähigkeit des Individuums,
sondern nur über lokale Standards und
ermöglichen lediglich einen Leistungs-
vergleich innerhalb der gleichen Fach-
richtung der gleichen Ausbildungsstätte.
Sehr gute Noten stehen leider an vielen
Hochschulen für mittelmäßige Bewerber.
Als Fazit zu Hochschulzeugnissen
lässt sich somit festhalten: Die Noten-
inflation entwertet Hochschulzeugnisse
als Auswahlverfahren und schafft da-
durch Schwierigkeiten für Arbeitgeber.
Als Gesamtfazit zur Nutzung von
Noten zur Personalauswahl lässt sich
zusammenfassen, dass die dringende
Notwendigkeit besteht, statt Noten an-
dere, besser differenzierende und näher
an tatsächlicher beruflicher Leistungs-
fähigkeit orientierte Prädiktoren für
Auswahlentscheidungen heranzuzie-
hen. Objektivität, Vergleichbarkeit des
dahinterliegenden Leistungsniveaus,
gender-, sozioökonomische und eth-
nische Fairness sowie Relevanz für die
zu besetzenden Positionen sind hierbei
Voraussetzung für gerechte und erfolg-
reiche Personalauswahl.
Mut zu möglichen Alternativen
Wie das konkret aussehen kann, zeigen
Beispiele von Unternehmen, die erfolg-
Überblick
Ausbildungsmethoden und
-medien zielgruppengerecht auswählen
(HI844628)
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