Seite 20 - personalmagazin_2014_09

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TITEL
_AUSBILDUNG
personalmagazin 09 / 14
Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
stehen weitere Verzerrungen bei der
Einordnung von Leistungen in das Be-
wertungsschema der Noten. So gibt es
beispielsweise Strenge- und Mildefehler
oder die Tendenz zur Mitte beziehungs-
weise zu Extremurteilen.
Fairness geht anders
Als erstes Fazit lässt sich somit fest-
halten, dass eine wirklich objektive
Auswahl anhand von Noten oder Zeug-
nissen quasi unmöglich ist. Ein Haupt-
grund dafür ist, dass Noten maßgeblich
von leistungsunabhängigen Aspekten
beeinflusst werden.
Werfen wir einen genaueren Blick auf
diese leistungsunabhängigen Anteile:
Leider – so muss man sagen – gehören
dazu neben den oben erwähnten Ef-
fekten typischer Beurteilungs- und Be-
zugsfehler laut der Studie der Vodafone
Stiftung von 2011 „Herkunft zensiert?
Leistungsdiagnostik und soziale Un-
gleichheit in der Schule“ beispielswei-
se auch das Geschlecht und die soziale
Herkunft. So bekommen Mädchen bei
gleicher Leistung in standardisierten
Schulleistungstests schon in der Grund-
schule leicht bessere Noten als Jungen.
Am Ende der Schullaufbahn ist dieser
Effekt noch deutlicher: Frauen erhalten
selbst bei durchschnittlich schlechterer
Testleistung durchschnittlich bessere
Zensuren, dies trifft für Fach- wie Prü-
fungsnoten, Grund- wie Leistungskurse,
sprachbezogene Fächer und Mathematik
zu. Die einzige Ausnahme sind Mathe-
matiknoten im Leistungskurs.
Ein weiteres grundsätzliches Problem
ist die mangelnde soziale Fairness. Gera-
de in Deutschland ist die Kopplung schu-
lischer Leistung an die soziale Herkunft
im internationalen Vergleich weiterhin
eng, wenn auch geringer als in den Vor-
jahren, wie die OECD in ihrem Bericht
über „Pisa 2012“ schließt. Das heißt, No-
ten sind nicht ausschließlich auf echte
Leistungsunterschiede zurückzuführen.
Kinder aus sozial schwächeren Familien
bekommen selbst bei gleichen Testleis­
tungen schlechtere Zensuren. Auch am
Ende der gymnasialen Oberstufe, also
nach einer gewissen sozialen Vorselek-
tion, ist dieser Effekt laut der Vodafone
Stiftung und den IQB-Studien in gerin-
gerem Maße beobachtbar: Es werden
schlechtere Noten für gleiche Leistung
vergeben aufgrund eines sozial schwä-
cheren Hintergrunds.
Der soziale Herkunftseffekt bestimmt
auch den Bildungsweg nach der vierten
Klasse, der bedeutsamsten Weiche im
deutschen Bildungssystem. So wird
Als weltweit führender Hersteller kom-
plexer Laser und Werkzeugmaschinen ist
Trumpf auf gut ausgebildete Fachkräfte an-
gewiesen und steht dabei im Wettbewerb
mit vielen attraktiven Ausbildungsbetrieben
im Raum Stuttgart. Um die interessantesten
Auszubildenden zu gewinnen, ist daher
neben einem guten Personalmarketing vor
allem ein für Bewerber der Generationen
Y und Z attraktives und modernes Aus-
wahlverfahren unabdingbar. Trumpf hatte
nie ein Quantitätsproblem, wir erhalten
2.000 Bewerbungen für 60 Ausbildungs-
und Studienplätze. Unzufrieden waren wir
mit der Qualität der Vorauswahl, da die
eingesendeten Zeugnisse keinen objektiven
Vergleichsmaßstab darstellen und das in
der Schule vermittelte Wissen nur eine ge-
ringe Schnittmenge mit den Anforderungen
unserer Ausbildungsberufe aufweist. Mit
der Einführung eines kombinierten Prozes-
ses aus Pre-Test, Inhouse-Test und Interview
konnten wir letztlich die Entscheidungs-
sicherheit realisieren, die wir für Trumpf
gesucht haben.
Seit 2011 verzichten wir in der Voraus-
wahl auf Noten und konzentrieren uns auf
die Persönlichkeit der Bewerber, zu der
wir wesentliche Informationen in Form
der Testergebnisse von HR Diagnostics
erhalten. Dieser Schritt hat anfänglich für
einige Bedenken gesorgt. Überraschend
war dabei, dass der Diskussionsprozess
mit Geschäftsführung und Betriebsrat kurz
war: Beide Seiten waren schnell dafür zu
gewinnen, den Auswahlprozess objektiver
und fairer zu gestalten und für vermeint-
lich leistungsschwächere Bewerber zu
Die Zahlen überzeugten
PRAXISBEISPIEL I
Das international tätige Unternehmen Trumpf setzt seit einiger Zeit auf eine Azubi-Aus-
wahl ohne Noten. Schon die Leistung des ersten Ausbildungsjahrgangs nach Umstel-
lung des Auswahlverfahrens konnte den Erfolg der neuen Methode belegen.
ANDREAS SCHNEIDER
ist Ausbildungsleiter
bei der Trumpf Werk-
zeugmaschinen GmbH
& Co. KG.
öffnen. Durch die unbefristete Übernahme
von Auszubildenden und Studenten rückte
der erfolgreiche Mitarbeiter in den Mittel-
punkt, was mit der reinen Auswahl nach
Schulnoten nie leistbar war. Die Ausbilder
von dem neuen Prozess zu überzeugen,
gelang nicht zuletzt aufgrund der guten
Erfahrungen mit den schon länger im
Einsatz bewährten Vor-Ort-Tests. Alle
restlichen Bedenken konnten dann mit
Beginn des ersten Ausbildungsjahrgangs
ausgeräumt werden: Nach Einführung
des Prozesses ohne Noten ging nicht
nur die Anzahl der Fehlstunden und der
Ausbildungsabbrecher in Richtung Null,
es verbesserten sich auch die berufli-
chen Leistungen der Auszubildenden,
was durch Regelbeurteilungen eindeutig
belegt werden konnte.