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„Wir wollten Grenzen setzen für die
dienstliche Nutzung der Smartphones“,
sagt Heinz-Joachim Thust, zuständig für
das Thema im VW-Betriebsrat. „Dafür
reicht es heutzutage nicht mehr aus,
organisatorische Rahmenbedingungen
zu beschreiben, zu kommunizieren und
damit die Mitarbeiter sowie Führungs-
kräfte zu sensibilisieren. Das hängt zu
stark vom Goodwill ab. Wir wollen es
erst gar nicht dazu kommen lassen, dass
ein Hinweis auf eine neue E-Mail bei ei-
nem Abendessen mit der Familie die Ge-
danken auf einen dienstlichen Kontext
bringt.“ Durch das Server-Abschalten
gebe es dazu einfach keine technische
Möglichkeit mehr. Zumindest die etwa
4.000 Beschäftigten im Tarif, die über
ein Dienst-Smartphone verfügen, kön-
nen dies nun nicht mehr außerhalb der
üblichen Arbeitszeiten einsetzen.
Freiwilliger Wandel statt Zwang
Die Konkurrenz widerpricht – Daim-
ler setzt ausschließlich auf Freiwillig-
keit: „Ein Zwang bringt hier überhaupt
nichts – das wäre eine reine Bevormun-
dung. Schließlich wollen viele Arbeit-
nehmer möglichst flexibel arbeiten“,
so Ursula Spellenberg, leitende Sicher-
heitsingenieurin und Leiterin Arbeits-
schutz-Management und Ergonomie bei
Daimler. „Uns geht es vielmehr um ei-
nen generellen Kulturwandel – wir wol-
len wegkommen von der Präsenzkultur
und trotzdem die ‚Life Balance‘ unserer
Mitarbeiter gewährleisten.“ Dieser Wan-
del vollziehe sich aber nicht von heute
auf morgen.
Selbst hat Daimler auch Leitlinien für
die Führungskräfte erstellt, die Arbeits-
und Privatleben erfolgreich vereinbaren
und den richtigen Weg für ein Leben
in Balance weisen sollen. Sie wurden
abgeleitet aus der Befragung der Mit-
arbeiter und Führungskräfte. Daneben
bietet Daimler die Möglichkeit, dass
rund 100.000 Mitarbeiter ihre E-Mails,
die während ihres Urlaubs eingehen,
löschen lassen können. Mit diesem
Programm namens „Mail on Holiday“
soll die enorme Arbeitsbelastung nach
dem Urlaub durch aufgestaute E-Mails
reduziert werden. Zudem will Daimler
damit das eigentlich ursächliche Pro-
blem angehen: „Das Mail-Aufkommen
ist wesentlich gestiegen. Wir sehen die-
se Maßnahme als Entlastung an, mit der
wir auch dazu anregen wollen, über den
Mail-Verkehr nachzudenken“, erläutert
Spellenberg. „Zum Beispiel sollte man
sich immer überlegen, ob wirklich so
viele Kollegen in Kopie stehen müssen.“
Wirkung der Maßnahmen ist unklar
Was bringt also mehr: Die Mitarbeiter
zum Abschalten zwingen oder die Füh-
rungskräfte als Vorbilder zur Erziehung
der Mitarbeiter anleiten? Darüber sind
sich die Unternehmen selbst nicht im
Klaren, denn sie messen ihre Erfolge
nicht. „Aus Datenschutzgründen erhe-
ben wir nicht, welche Mitarbeiter von
unserer E-Mail-Regelung Gebrauch ma-
chen“, erklärt die leitende Sicherheits-
ingenieurin. Sie schätzt grob: „Ich habe
den Eindruck, dass es gut angenommen
wird. Aber das wird sich vor allem noch
zur Sommerzeit zeigen.“ Der Personal-
vorstand von Daimler setzt sich sehr für
das Thema ein, fordert die Führungs-
kräfte auf, diese zu nutzen – lässt seine
Mails im Urlaub aber nicht löschen.
Eon hat auch keine Daten zu den Fol-
gen der eingeführten Maßnahmen: „Wir
sehen dies als einen steten Prozess des
Wandels“, so Antoniou. Volkswagen-Be-
triebsrat Thust erklärt dazu: „Man kann
nicht ernsthaft davon ausgehen, dass
man mit einer Einzelmaßnahme Herr
über die Lage der psychischen Belastung
wird.“ Das Abschalten der Smartphones
könne aber sicherlich die Arbeitskultur
verändern. „Wir stellen fest, dass Mit-
arbeiter und Führungskräfte über die
Gefahren einer Entgrenzung von Privat-
und Berufsleben nachdenken.“
Persönlicher Kontakt ist entscheidend
Da hat es ein kleineres Unternehmen
leichter, direkte Folgen zu erkennen.
„Wir konnten mit unseren Maßnahmen,
die den Mitarbeitern größere Freiheit
und Verantwortung übertragen, bisher
positive Ergebnisse erzielen“, erklärt
der Vorstand der Profi AG. „Natürlich
endet die Eigenverantwortung immer
dort, wo der Mitarbeiter sich selbst
übernimmt. Das kann man an einigen
Warnsignalen erkennen.“ So sei es zum
Beispiel immer ein Warnsignal, wenn
jemand seine Urlaubszeiten und sonsti-
gen Auszeiten nicht nehme. „Das wird
angesprochen. Ich selbst rede mit Füh-
rungskräften, bei denen mir dies in ih-
ren Verantwortungsbereichen auffällt“,
sagt Hohmann. „In unserem Unterneh-
men ist es einfacher, den Faktor Mensch
einzubeziehen. In Großkonzernen geht
das nur über Vorschriften. In ein solches
Korsett wollen wir unsere Mitarbeiter
aber nicht reinpressen. Wir reagieren
mit situationsgerechten Maßnahmen,
die zu unserer mittelständischen Unter-
nehmenskultur passen.“
„Ein Zwang bringt hier überhaupt nichts
– das wäre reine Bevormundung.
Uns geht es um einen Kulturwandel.“
Ursula Spellenberg, Leitende Sicherheitsingenieurin der Daimler AG
„Natürlich endet die Eigenverantwor-
tung dort, wo der Mitarbeiter sich selbst
übernimmt. Dafür gibt es Warnsignale.“
Lutz Hohmann, Vorstand der Profi Engeneering Systems AG