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„Mit 15 war mein erster Job auf einer
Baustelle“, erzählt Mahlodji. Auch als
Kinokartenabreißer, Burgerbrater, Stra-
ßenverkehrszähler, Babysitter sammelt
er Erfahrungen. „Mein Vater hat mir ge-
sagt: „Wenn du Zeit hast, probier alles
aus, um herauszufinden, was du nicht
willst“, so seine Erklärung.
Karriere gipfelt im Zusammenbruch
Als seine Mutter nach Schweden aus-
wandert, übernimmt der 19-Jährige die
Wohnung und findet einen Vollzeitjob
in der Pharmaziebranche. Nach drei
Jahren und, wie er heute erzählt, leich-
ten Hautverätzungen an den Fingern
übernimmt er eine Teamleitung im
Unternehmen. Gleichzeitig holt er den
Schulabschluss nach, studiert berufsbe-
gleitend Softwareengineering und setzt
noch einen Bachelor für verteilte Com-
putersysteme drauf. Mit dem Abschluss
bewirbt sich der vom Ehrgeiz Gepackte
bei Sun Microsystems – 50 Mal, „weil
bekannt war, dass der CEO weiße Turn-
schuhe getragen hat“, erklärt er grin-
send. Nach so viel Hartnäckigkeit lädt
ihn der deutsche Geschäftsführer zum
Gespräch ein. Mahlodji überzeugt. Ein
Praktikum später hat er den Job, bleibt
ein Jahr, wechselt zu Siemens, wird von
Sun zurückabgeworben. „Mit 26 habe
ich ein Team mit zehn Leuten geleitet.
Aber ich war ein ziemliches Arschloch“,
sagt er selbstkritisch. „Zu viel Geld in
der falschen Phase des Lebens.“
Ein Urlaub in Thailand bringt die Wen-
de: Erst feiert er, dann reflektiert er, dann
heult er. Noch aus Thailand kündigt der
Schnellentschlossene, lässt sich einen
Irokesen schneiden und Tattoos stechen.
Als Mahlodji zurückkehrt, sucht er nach
dem Job, der ihm wirklich Spaß macht.
Per Twitter bewirbt sich das Multitalent
bei einer Online-Marketingagentur. Bis
Ende 2011 leitet er dort insgesamt 40
Großprojekte in der Digitalbranche und
erlernt das Handwerkszeug für das In-
ternetbusiness.
2009 trifft Mahlodji seinen Schul-
freund Jubin Honarfar wieder und erin-
nert sich an die Idee, die er mit 14 hatte,
als die Berufswahl anstand – das Wiki
für Menschengeschichten. Sie schreiben
ein Konzept für „Whatchado“: Menschen
beantworten in Videointerviews sieben
Fragen zu ihrem Werdegang.
• Was ist das Coolste an deinem Job?
• Was steht auf deiner Visitenkarte?
• Worum geht es in deinem Job?
• Wie schaut dein Werdegang aus?
• Ginge es auch ohne den Werdegang?
• Welche Einschränkungen bringt dein
Job mit sich?
• Drei Ratschläge an das 14-jährige Ich
Zusätzlich beantworten die Interview-
ten einen Online-Fragebogen dazu, was
sie von der Zukunft und der Arbeit er-
warten. Die Plattformbesucher, die den
Fragebogen auch ausfüllen, können die
Personen finden, die ähnlich denken
und aus deren Erfahrungen Ideen für
den eigenen Beruf ziehen.
Kindheitsidee wird Geschäftsmodell
Das AMS, das österreichische Pendant
zur Bundesagentur für Arbeit, dem die
Freunde das Konzept vorstellen, interes-
siert sich aber nicht dafür. Schließlich
reichen sie es bei einem Wettbewerb
ein und erhalten den „Social Impact
Award“. Das ORF wird aufmerksam und
dank des Drucks der Redaktion entsteht
schnell die erste Version der Plattform.
Geld verdienen wollte keiner der
Gründer anfangs – es war mehr die
Realisierung eines Traums. Doch nach
dem ORF-Bericht melden sich die ersten
Unternehmen, die dafür zahlen, dass
Whatchado Videos mit ihren Mitarbei-
tern dreht. Damit war das Businessmo-
dell geboren, das zum Selbstläufer wird.
Jetzt steht die Expansion über die öster-
reichische Grenze hinweg an.
Dabei will sich das Unternehmen wei-
terhin treu bleiben. Die bezahltenVideos,
die Unternehmen für ihr Employer Bran-
ding nutzen, unterliegen strengen Anti-
Werbe-Regeln. Und: „Für jedes bezahlte
Video wird ein unbezahltes gedreht“,
sagt der CEO. Alle Menschen sollen
die Chance haben, ihre Geschichte zu
erzählen. So kommen Bundespräsident
Heinz Fischer und Fußballtrainer Toni
Polster genauso im Video zu Wort wie
ein Barmanager und ein Lehrling zur Bü-
rokauffrau – oder auch ein FPÖ-Politiker;
was Whatchado einige Kritik, aber keine
Abkehr vom Prinzip einbrachte.
Dem hippen Style treu geblieben
Inzwischen hat sich zwischen die klei-
nen Narben an den Fingern vom ehema-
ligen Medizinmischer Mahlodji die Täto-
wierung eines Schnurrbarts geschoben.
Als CEO bleibt er dem Look vom Sun-Ma-
nager treu: Turnschuhe und Hoodie pas-
sen zum 400-Quadratmeter-Büro im 4.
Wiener Bezirk, das die Whatchado-Crew
vor Kurzem bezogen hat – inklusive ge-
spraytem Firmenlogo, Spieleraum und
Küche für das Montagmorgenfrühstück
und das „TGIF“-Ritual – „Thank God it’s
Friday“. Demnächst sollen noch Betten
im Hinterzimmer dazukommen, weil
die Hirnforschung einen Schlaf-Wach-
Rhythmus inklusive Mittagsnickerchen
anrate, so der Firmenchef. Selbst hat er
seinen Lebensrhythmus wohl gefunden:
„Mir ist klar, dass es jeden Tag vorbei
sein kann. So lebe ich auch.“
„Whatchado.com“ dient der beruflichen Orientierung: User können frei auf Video-
interviews zugreifen, in denen Menschen Fragen zu ihrem Werdegang beantworten.
Heute verzeichnet die Plattform circa 110.000 User pro Monat, die zehn bis 20 Minuten
auf den Seiten mit derzeit etwa 1.500 Videos verweilen. Das Unternehmen ist auf 32
Mitarbeiter angewachsen und verzeichnet eine Million Euro Auftragsvolumen.
Praxisbeispiel
Zum unt rnehmen