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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
geber Schule unwichtig finden. Bildung
wird entwertet, Schüler werden demoti-
viert und den Lehrern wird ihre ohnehin
schwere Aufgabe weiter erschwert. Was
wir gesellschaftlich brauchen ist das Ge-
genteil: eine Renaissance der Bildung,
eine Verbesserung der Lernumgebungen
der Schüler mit Migrationshintergrund
und aus sozioökonomisch schwachen
Schichten, Respekt vor der Kultur, Wert-
schätzung für Bildungseinrichtungen.
Wottawa:
Fast die gleiche Frage hat mir
vor Kurzem ziemlich empört ein Unter-
nehmer gestellt: „Sie meinen also, wir
sollen die Defizite des Schulwesens auf
Kosten des Unternehmens ausgleichen?“
Meine Antwort war, dass der Wirtschaft
wohl nichts anderes übrig bleibt, wenn
der Bedarf an ausgebildetem Nachwuchs
gedeckt werden soll. Was aber natürlich
nicht heißt, dass ich das so gut finde.
personalmagazin:
Und wie sollen die Unter-
nehmen jetzt auswählen: mit oder ohne
Schulnoten?
Kersting:
Diagnostisch benötigen wir ei-
nen anforderungsbezogenen Verfahrens-
mix. Schulnoten sollten nicht die einzige
Entscheidungsgrundlage sein, sie sollten
reflektiert genutzt werden – ignorieren
sollte man sie nicht.
Wottawa:
Für die Einstellungsentschei-
dung kann ich dem voll zustimmen. Na-
türlich nehme auch ich lieber einen Be-
werber, der bei gleichem Potenzial auch
schon gutes Wissen hat. Ich habe nichts
gegen Schulwissen, sondern nur etwas
gegen eine unreflektierte, auf schlichter
Gewohnheit beruhende und moderne
Mittel vernachlässigende Vorauswahl.
personalmagazin:
Letztlich stimmen Sie
also darin überein, dass nur ein Me-
thodenpluralismus zu einer fundierten
Bewerberauswahl führen kann?
Kersting:
Ja, und das am besten anhand
der DIN 33430, also anforderungsorien-
tiert, evidenzbasiert und auf expliziten
Entscheidungsregeln aufbauend.
Das Interview führte
Sandra Meyer.
Denkvermögen, Menschen benötigen Bil-
dung und Bildungsaspiration.
personalmagazin:
Was wären denn die
Alternativen zu Schulnoten?
Wottawa:
Für eine zeitgemäße Voraus-
wahl sind auf die konkrete Stelle oder
Ausbildung abgestimmte, von zu Hause
über das Internet bearbeitbare Testver-
fahren das Mittel der Wahl. Es stimmt
schon, wer sein Lernpotenzial in der
Schule nicht trainiert hat, hat dies auch
nicht entsprechend entwickeln können.
Aber gute Tests sind doch deutlich weni-
ger vom Schulwissen abhängig als Noten
– und wesentlich objektiver.
personalmagazin:
Herr Professor Kersting,
sind Testverfahren in dieser Hinsicht
nachweislich objektiver oder müssen sie
sich den gleichen Kritikpunkten stellen?
Kersting:
Intelligenztests sind hervorra-
gend, sie ermöglichen – trotz ihrer Pro-
bleme zum Beispiel bei der Abhängigkeit
von der Testängstlichkeit – treffsichere
Prognosen. Wir sprechen hier aber nicht
von Intelligenztests im Allgemeinen. Es
geht um Intelligenztests, die online dar-
geboten und von den Kandidaten ohne
Aufsicht bearbeitet werden. Nur diese
Variante ist eine Alternative zu den kos­
tenlos verfügbaren Schulnoten. Hier be-
steht das Problem der Verfälschbarkeit
der Leistungen. Es ist bislang nicht hin-
länglich untersucht, wie gute Prognosen
solche Tests ohne Aufsicht liefern. Die
Verfälschbarkeit führt häufig dazu, dass
man sich unter diesen Testbedingungen
auf Aufgaben zur sogenannten fluiden
Intelligenz beschränkt, man erfasst das
rein logische Denken ohne Vorwissen.
Aussagekräftig ist aber vor allem die
sogenannte kristallisierte Intelligenz.
Darunter versteht man die Summe al-
ler Lernerfahrungen – man kann auch
sagen: das Ergebnis der Bildung. Genau
diese wird aber auch mit den Schulnoten
indiziert. Tests ohne Aufsicht verzichten
häufig auf Wissensfragen, weil sich die
Antworten rasch nachschlagen lassen.
Das reine logische Denken, ohne Kultur-
techniken, ist aber keine Grundlage für
moderne Wissensgesellschaften.
Wottawa:
Natürlich liefern auch Tests kei-
ne absoluten Wahrheiten über die Lern-
fähigkeit und den Lernwillen von Bewer-
bern. Wir können es uns aber nicht mehr
leisten, die „Underachiever“, also die Per-
sonen, die in der Schule deutlich unter
ihren Lernmöglichkeiten bleiben, bei der
Vorauswahl unreflektiert auszuschei-
den oder gar einen erheblichen Teil der
Schulabgänger wegen ihres tatsächlich
geringen Wissens als nicht ausbildungs-
fähig zu erklären. Es macht schon viel
Sinn, dass große Unternehmen wie etwa
die Deutsche Bahn bei der Vorauswahl
von Azubis auf die Schulnoten verzichten
und stattdessen Onlinetests einsetzen.
personalmagazin:
In großen Unternehmen
erhalten die Azubis Gelegenheit, den
versäumten Schulstoff zu wiederholen.
Ist das die Zukunft?
Kersting:
Es ist nicht Aufgabe der Unter-
nehmer, die Fehler des Bildungssystems
durch die Einstellung von Risikokandi-
daten zu kompensieren – zumindest für
den Mittelstand ist das nicht zumutbar.
Im Auswahlprozess auf Schulnoten zu
verzichten ist aufgrund ihrer Aussage-
kraft sachlich unangemessen und es ist
bildungspolitisch das falsche Signal. Der
Verzicht auf Schulnoten wird von den
Schülern so interpretiert, dass die Arbeit-
PROF. DR. HEINRICH WOTTAWA,
Inhaber
des Lehrstuhls für Methodenlehre, Diagnos-
tik und Evaluation an der Ruhr-Universität
Bochum und Geschäftsführer der Eligo GmbH.
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