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Das Interview führte
Ruth Lemmer.
bei um Rieseninvestitionen. Doch nicht
nur die Unternehmen müssen aktiv wer-
den, sondern auch die Politik. Vor allem
die Bildungspolitik. Weniger Menschen
werden einfache Arbeiten verrichten,
aber es werden viele Jobs in wissensin-
tensiven Berufen entstehen.
personalmagazin:
Dieses Mehr an Qua-
lifizierung, das Sie einfordern, liegt in
Unternehmen oft in den Händen von
Personalverantwortlichen.
Bauer:
Personalmanager sollten für zwei
Dinge verantwortlich zeichnen: für die
Qualifizierungsprogramme und für Qua-
lifizierungsstrategien. Sie werden noch
stärker als bisher zu Dienstleistern der
operativen Manager werden. Allerdings
werden die Personaler im Operativen an
Einfluss verlieren. Denn der klassische
Personaler weiß nicht, was nötig ist, um
in den systemischen, projektgetriebenen
Strukturen erfolgreich zu arbeiten. Er
gehört nicht ins operative Geschäft.
Projektleiter sind diejenigen, die mehr
Überblick haben. Sie müssen Personal-
aufgaben übernehmen. Sie bewegen sich
in komplexen Systemen, weil auch die
Projekte immer nur auf Zeit aufgelegt
werden, Projektstrukturen also nicht sta-
bil und langfristig vorhersehbar, sondern
volatil sind. Genau deshalb müssen Pro-
jektleiter und Fachmanager die persona-
len Fragen mitdenken und entscheiden.
personalmagazin:
Ihre Umschichtung bei
Personalentscheidungen geht mit einem
erheblichen Machtverlust der Personaler
einher und lässt deren Wissen um Beur-
teilungssysteme und Mitarbeiterentwick-
lung außen vor. Verlieren Unternehmen
so nicht an Kompetenz?
Bauer:
Projekte haben einen komplexen
Charakter. Sie werden häufig länder-
übergreifend und in verschiedenen Zeit-
zonen gesteuert. Auch hier ähnelt das
Arbeiten wieder einem Schwarm, und
zwar einem, der seine Intelligenz auf ein
Ziel hin ausrichtet. Deshalb sind Ziel-
vereinbarungen ein Instrument, das die
Zusammenarbeit zwischen Projektmit-
arbeitern und benachbarten Teams stark
fördert und das die einzelnen Teams
eines Großprojekts transparent vernetzt.
Digitalisierung bringt ein hohes Maß an
Projektautonomie mit sich. Wir brau-
chen so etwas wie Projektgeist, ein Wir-
Gefühl, einen gemeinsamen Spirit.
personalmagazin:
Genau daran haben sich
bisher Personaler versucht. Sie haben
Räume und Treffen geschaffen, die das
Wir-Gefühl stärken sollten. Sie waren für
die Arbeitgebermarke und die Corporate
Identity zuständig.
Bauer:
Die Arbeit am Spirit ist so eng mit
der Projektkultur verwoben, dass sie im
Projekt selbst angesiedelt werden muss.
Denn sie hängt von den Mitarbeitern ab,
die in einem Projekt zusammenarbeiten,
im nächsten kann die Kultur eine ande-
re Ausprägung haben, etwa, weil andere
Nationalitäten oder Altersgruppen auf-
einandertreffen. Aber natürlich bleibt
der Mensch ein emotionales Wesen. Er
schöpft seine Kraft aus der Zugehörig-
keit. Emotion motiviert, deshalb darf
sie nicht verloren gehen. Auch wenn die
technischen Tools funktionieren, müssen
für ein Team Anlässe geschaffen werden,
zu denen sie sich treffen. Dazu braucht
es keinen Biergarten, das kann auch ein
Skype-Frühstück sein. Die Arbeitswei-
se wird digitalisiert, das Arbeitsumfeld
muss sich dem anpassen.
personalmagazin:
Hilft dabei die Digitale
Agenda der Bundesregierung? Bringt sie
die Automatisierung und Vernetzung in
der Arbeitswelt voran?
Bauer:
Ja, das ist schon der richtige Weg,
es braucht eine zukunftsgerichtete
Agenda hierzu. Wir brauchen schnel-
lere Datenleitungen flächendeckend, wir
müssen Sicherheit im Netz sicherstellen
und wir brauchen eine neue Gründungs-
dynamik für Internetfirmen. Der Plan
muss aber auch schnellstens umgesetzt
werden. Das ist jetzt die Herausforde-
rung für Politik und Wirtschaft.
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