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ORGANISATION
_RESILIENZ
personalmagazin 12 / 14
Zunahme psychischer Erkrankungen zu
begegnen. Neben den praktischen Aus-
fällen von Mitarbeitern und dem damit
verbundenen Produktivitätsverlust sind
in diesem Zusammenhang vor allem
Zeitverzögerungen, geringere Planbar-
keit (vor dem Hintergrund der Langwie-
rigkeit psychischer Einschränkungen)
sowie Kosten durch Lohnfortzahlungen
und Wiedereingliederungszeiten für
Unternehmen von großer Bedeutung.
Insgesamt betreiben psychische Erkran-
kungen damit einen Raubbau an der
wertvollsten Ressource des Unterneh-
mens: dem einzelnen Mitarbeiter.
Gesteigerte Arbeitsbelastungen als
Ursache für psychische Erkrankungen?
Welche Rolle spielen gestiegene Ar-
beitsbelastungen bei der Zunahme
psychischer Leiden? Bei der Ursachen-
forschung empfiehlt es sich, zwischen
psychischen Erkrankungen und Ar-
beitsbelastungen zu differenzieren.
Stress, der heute vielfach als Auslöser
für dauerhafte Belastungen im Rah-
men der Arbeitsbelastungen identifi-
ziert scheint, wird häufig eindimensi-
onal, nur in seiner chronischen Form
betrachtet. Dies erhöht tatsächlich die
Wahrscheinlichkeit für psychische und
körperliche Einschränkungen.
Die Tatsache, dass situativer Stress
gar nicht vermeidbar, ja für unsere Leis-
tungsfähigkeit von essentieller Bedeu-
tung ist, wird dabei meistens übersehen.
Zudem sind Belastungen nicht auf die
Arbeit limitiert, sondern das Zusammen-
spiel verschiedener Einflussfaktoren
aus beruflichen und privaten Anforde-
rungen bedingt letztlich ein mögliches
chronisches Stresslevel.
Auch im Kontext der Arbeitsbelastung
lohnt ein differenzierter Blick. So konn-
ten Untersuchungen der Bundesanstalt
für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
(BAUA) imRahmen des Stressreports be-
legen, dass spezifische Anforderungen
der heutigen Arbeitswelt einen objekti-
ven Anstieg der arbeitsbedingten Belas-
tungen zur Folge haben. Hierzu zählen
neben Multitasking und Arbeitsunter-
brechungen auch Monotonie, mangelnde
Kommunikation und ein insgesamt sehr
hohes Arbeitstempo durch Termindruck
und teils unplanbare Arbeitszeiten. In-
folge dieser Beschleunigung lässt bereits
ein Viertel der Arbeitnehmer die Pausen
ausfallen – ein durchaus alarmierender
Wert. Eine ebenfalls durch die BAUA be-
auftragte Studie zu den arbeitsbedingten
Ursachen für das Auftreten depressiver
Störungen wies nach, dass sich das Ri-
siko für Depressivität mit steigender
objektiv gegebener Arbeitsintensität
deutlich erhöht. Ein Hinweis also, dass
Arbeitsbelastungen einen Einfluss auf
das Risiko für psychische Erkrankungen
nehmen können.
Neben diesen Arbeitsbelastungen
bedingt offensichtlich auch die Menge
an zusätzlichen Aufgaben das jeweilige
Stressniveau. Einer Studie der Techniker
Krankenkasse (2013) zufolge erleben 80
Prozent der 36- bis 45-Jährigen einen
Dauerstress, jene Altersgruppe also, die
sich neben dem Beruf verstärkt auch mit
der Herausforderung der Vereinbarkeit
von Beruf und Familie konfrontiert sieht.
Unternehmen verfügen über
Handlungsoptionen
Doch auch wenn arbeitsbedingte Be-
lastungen selbstverständlich nicht als
alleinige Ursache für die Zunahme
psychischer Erkrankungen herange-
zogen werden können, ergibt sich für
jedes Unternehmen die Notwendigkeit,
psychische Belastung noch stärker als
wesentlichen Faktor im Arbeits- und Ge-
sundheitsschutz der Mitarbeiter anzu-
erkennen. Der Gesetzgeber gibt hier die
Richtung klar vor: 2013 wurde die bishe-
rige Regelung einer Gefährdungsbeur-
teilung durch das Arbeitsschutzgesetz
ausdrücklich auch auf die „psychischen
Belastungen bei der Arbeit“ erweitert (§
5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG). Unternehmen
sind seither verpflichtet, auch eine psy-
chische Gefährdungsbeurteilung vorzu-
nehmen.
Psychische Gefährdungsbeurteilung:
Stressauslöser identifizieren
Da psychische Belastungen nicht tech-
nisch mit Geräten messbar sind und
zudem bezogen auf die Arbeitssituation
von jedem Beschäftigten subjektiv un-
terschiedlich erlebt werden, werden zur
Erhebung üblicherweise Fragebögen
und Beobachtungsinterviews eingesetzt.
Bei Letztgenannten werden Beschäftigte
bei ihrer Arbeit beobachtet und zu ihren
Arbeitsbelastungen interviewt. Ziel ist
es jeweils, Daten zu den Bereichen Ar-
beitsinhalt, -organisation, -mittel und
-umgebung sowie den sozialen Bezie-
hungen der Beschäftigten zu sammeln.
Aus Sicht des Arbeitgebers bestehen
dabei die Vorteile einer gezielten Erhe-
bung vor allem in der Identifikation von
arbeitsorganisatorischen Störungen, die
einen effizienten Arbeitsablauf behin-
dern und zugleich als Stressauslöser für
die Mitarbeiter fungieren können.
Hinzu kommen zumeist durch die
beschriebenen Methoden identifizier-
bare Defizite in den Bereichen Führung
und Betriebsklima. Eine Aufarbeitung
und schrittweise Beseitigung dieser
Schwachstellen des Arbeitsalltags
können durch die damit verbundene
Reduzierung der Belastungen eine
Verbesserung der Produktivität und
Wettbewerbsfähigkeit erzielen. Hier-
für ist ähnlich zur Beurteilung anderer
Gefährdungen ein schrittweises Vorge-
Die gezielte Erhebung
dient der Identifikation
organisatorischer Stö-
rungen, die effiziente
Arbeitsabläufe behin-
dern und zugleich Stress
auslösen können.