57
12 / 14 personalmagazin
Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
verbesserte Diagnostik psychischer Er-
krankungen zurückgeführt, welche auch
durch öffentliche Fälle (wie etwa die Vor-
kommnisse um den ehemaligen Natio-
naltorhüter Robert Enke) zusätzlich in
ihrer Bedeutung hervorgehoben werden.
Dennoch ist trotz dieser verbesserten
Wahrnehmung bislang keine grundle-
gende Einstellungsänderung gegenüber
psychisch erkrankten Menschen erfolgt.
Psychotherapieforscher betonen au-
ßerdem, dass es zwar besonders seit
der Verankerung der Psychotherapie in
die Regelversorgung (im Zuge des Psy-
chotherapeutengesetzes von 1999) zur
Verbesserung einer wirksamen Versor-
gung gekommen sei, die Erkrankungen
einer Vielzahl an betroffenen Personen
trotzdem nicht ausreichend diagnos-
tiziert und behandelt werden. Hinzu
komme eine in der Gesellschaft fortbe-
stehende Tabuisierung psychischer Lei-
den, wodurch die Hemmschwelle, eine
notwendige Behandlung in Anspruch
zu nehmen, weiterhin sehr hoch ist. So
wird in der Primärversorgung nur bei 30
bis 35 Prozent der depressiv Erkrankten
eine adäquate Diagnose gestellt, weniger
als zehn Prozent erhalten anschließend
eine leitliniengerechte Therapie. Auffäl-
lig ist in diesem Zusammenhang auch,
dass Männer – statistisch betrachtet –
zwar genauso häufig an psychischen
Störungen leiden wie Frauen, in der tat-
sächlichen Behandlung jedoch - oft aus
Angst vor sozialer Diskriminierung - mit
einem Anteil von weniger als 30 Pro-
zent deutlich unterrepräsentiert sind.
So werden psychische Erkrankungen
heute zwar verstärkt wahrgenommen,
zeitgleich steigt jedoch vor allem die
Zahl der bisher unentdeckten oder un-
behandelten Fälle.
Psychotherapeutische Versorgung
ist Mangelware
Wenden sich Betroffene heute hilfe-
suchend an ambulante ärztliche oder
psychologische Psychotherapeuten, so
finden Sie aufgrund sehr langer War-
telisten oftmals keinen zeitnahen The-
rapieplatz. Eine Studie im Auftrag der
Deutschen Psychotherapeutenvereini-
gung wies nach, dass die durchschnitt-
liche Wartezeit für den Beginn einer
psychotherapeutischen Behandlung im
Schnitt über zweieinhalb Monate be-
trägt. Die Autoren schlussfolgern, dass,
wenn eine zeitnahe Behandlungsmög-
lichkeit als Kriterium angenommen
wird, die allgemeine Versorgungssitua-
tion mit Psychotherapie in Deutschland
deutlich zur Unterversorgung tendiert.
Auch die Bundespsychotherapeuten-
kammer stellte 2011 ähnliche Zahlen
fest, die Autoren weisen auf eine durch-
schnittliche Wartezeit von drei Monaten
bis zum Angebot eines ersten Gesprächs
und sogar von bis zu sechs Monaten bis
zum Beginn einer psychotherapeuti-
schen Intervention hin.
Konsequenzen für den Einzelnen
und das Unternehmen
Auch Unternehmen sind direkt und indi-
rekt von den geschilderten Entwicklun-
gen und Versorgungsengpässen betrof-
fen. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter stellt
Erschöpfungssymptome bei sich selbst
fest, verdrängt diese jedoch zunächst
aus Angst vor sozialer Diskriminierung.
Im Zuge der nachfolgenden Verschlim-
merung wird ihm durch Freunde und
Familie der Besuch eines Arztes nahe-
gelegt. Dieser vermutet eine psychische
Erkrankung und verweist den Patienten
an einen ambulanten Psychotherapeu-
ten. Aufgrund der bestehenden Versor-
gung erhält der Betroffene dort zunächst
– trotz großer Bemühungen – keinen Be-
handlungsplatz; auch bei anderen Psy-
chotherapeuten hat der Patient keinen
Erfolg. Die Symptome verschlechtern
sich, sodass schließlich eine stationäre
Aufnahme erforderlich ist. Die Folge:
Ein möglicherweise unbestimmter lang-
fristiger Ausfall aufgrund der notwendi-
gen stationären Behandlung.
Statistisch gesehen erlebt inzwischen
jeder Einzelne einen entsprechenden
Fall in seiner sozialen Umgebung oder
ist sogar selbst betroffen. Die Zahlen
machen deutlich, dass – vor dem Hin-
tergrund der Gefahr einer weiteren
Verschlechterung infolge der Wartezeit
– der aktuelle Bedarf derzeit nicht ab-
gedeckt werden kann. Dadurch rückt
zunehmend auch die Prävention psychi-
scher Belastungen in den Fokus, um der
Trotz allgemein rückläufiger Krankenstände in den vergangenen Jahren, nimmt der
relative Anteil psychischer Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit stetig zu.
Allein in Deutschland erfüllt jährlich jeder Dritte die Kriterien für eine behandlungs-
würdige Erkrankung, ebenfalls jeder Dritte leidet – statistisch betrachtet – einmal im
Leben an einer psychischen Erkrankung. Bereits Mitte der 1990er-Jahre existierten
wissenschaftliche Prognosen dazu, dass sich allein Depressionen bis zum Jahr 2020 zur
zweithäufigsten Krankheit weltweit entwickeln würden.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht heute davon aus, dass psychische Erkran-
kungen spätestens 2030 nicht nur die häufigsten, sondern auch gleichzeitig die teuers-
ten und das Leben der Betroffenen am stärksten beeinträchtigenden Erkrankungen sein
werden. Folglich wird dieses Phänomen auch massiven Einfluss auf die gesellschaftli-
chen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nehmen. So gehen laut einer Untersu-
chung der Bundespsychotherapeutenkammer von 2013 insgesamt rund 70 Millionen
Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr auf psychische Erkrankungen zurück.
Psychische Belastungen in Deutschland
PRAXISBEISPIEL
BESTANDSAUFNAHME