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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
beitsrichterin helfen, wesentlich besser
nachvollziehen zu können, wie Entschei-
dungsprozesse im Personalbereich statt-
finden.
Ein fester Arbeitsplatz bei HR
Der Schwerpunkt des Praktikums lag
im Personalwesen. Hier war der feste
Büroarbeitsplatz der Arbeitsrichterin.
HR-Leiter Dr. Rupert Felder und der für
Arbeitsrecht zuständige Jurist bei Hei-
delberger Druck waren Gielens direkte
Ansprechpartner. Und hier konnte sie
einen gründlichen Einblick in die tägli-
che Personalarbeit eines Produktionsbe-
triebs nehmen: In Besprechungen und
Sitzungen mit Felder oder auch anderen
Personalleitern war sie regelmäßig mit
von der Partie, auch an den Personal-
leiter- und Abteilungsrunden nahm sie
teil. „So konnte ich Personalentschei-
dungen vom Anfang bis zur Umsetzung
mitbegleiten“, freut sich Gielen, „gerade
Entscheidungen auf Personalleiterebene
bekommt man ja als Richter sonst nicht
mit.“ Ein gelungener Ansatz, findet
auch Personalchef Felder, den er für die
richterliche Fortbildung nur empfehlen
könne: „Im betrieblichen Alltag müssen
wir Probleme lösen und Kompromisse
suchen, oft in hierarchisch geprägten
Mustern.“ So entstünden politische Ent-
scheidungsprozesse im Unternehmen
auf eine ganz andere Weise, als „wenn
in richterlicher Unabhängigkeit nach
Recht, Gesetz und Aktenlage entschie-
den wird.“
Natürlich war auch die Fachkom-
petenz der Arbeitsrichterin gefragt:
Im engen Schulterschluss mit dem für
Arbeitsrecht zuständigen Juristen des
Unternehmens setzte sie sich mit den
arbeitsrechtlichen Fragestellungen im
Unternehmen auseinander und besprach
rechtliche Fragen oder Probleme auch di-
rekt mit den Personalern. „Interessant
war“, so Felders Rückblick auf den Ein-
satz von Gielen im HR-Bereich, „wie das
Vertrauen im Personalmanagement nach
und nach gewachsen ist, und mit Frau
Gielen im betrieblichen Einsatz über Pra-
xisthemen und auch Problemstellungen
geredet wurde oder rechtlicher Rat bei
ihr eingeholt wurde, umAlltagsprobleme
im Personalbereich zu lösen.“
Vertrauensvorschuss vom Betriebsrat
Besonders beeindruckend fand Prak-
tikantin Gielen die Arbeit mit dem
Betriebsrat. „Im Gericht sehe ich die
Parteien ja erst, wenn der Konflikt sich
nicht mehr anders lösen lässt,“ stellt
Gielen fest. „Hier im Unternehmen da-
gegen hat mir imponiert, wie offen und
respektvoll die Betriebspartner übli-
cherweise miteinander umgehen. Ich
konnte miterleben, wie man es schaffen
kann, dass die Arbeitsgerichte gar nicht
in Anspruch genommen werden müs-
sen.“ Zwar habe der Betriebsrat, erzählt
Felder, anfangs „mit großen Augen“
gefragt, was denn eine Richterin im Be-
trieb lernen wolle, doch schnell entstand
eine für beide Seiten fruchtbare Zusam-
menarbeit. Dass die Öffnung gegenüber
einem Betriebsfremden auch bei ver-
traulichen Beratungen und Diskussio-
nen schließlich auch dem Betriebsrat
leicht gefallen sei, begründet er mit der
besonderen Position der Gerichtsbar-
keit: „Frau Gielen hatte als Richterin
über die richterliche Unabhängigkeit
und Verschwiegenheit einen enormen
Vertrauensvorschuss im Unternehmen,
auch vom Betriebsrat.“ So beschränkte
sich ihr Einblick auch nicht nur auf die
Teilnahme an einer Betriebsratssitzung
und an Besprechungen der freigestellten
Betriebsratsmitglieder beziehungsweise
zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber.
Durch ihre Anwesenheit auch bei einer
Wirtschaftsausschusssitzung und Vier-
oder Acht-Augen-Gesprächen konnte
die Richterin den Stellenwert betrieb-
licher Konflikte und Konfliktlösungen
zwischen Betriebsrat und Unternehmen
hautnah erleben.
Gespräche in der Montagehalle
Zum Praktikum gehörte auch eine Sta-
tion in der Fertigung und Montage, wo
der größte Teil der circa 5.000 Mitar-
beiter des Standorts Wiesloch-Walldorf
beschäftigt sind. Nicht nur der direkte
Einblick in die Produktionsabläufe war
sehr interessant, erklärt Gielen. Sie
habe mehrere Tage – in der vorgeschrie-
benen Arbeitsschutzkleidung natürlich
– direkt an den Produktionsplätzen ver-
bracht und aufschlussreiche Gespräche
mit Azubis, Mitarbeitern, Segments-
leiter und den Meistern geführt. „Eine
echte Mitarbeit im Produktionsablauf
war leider nicht möglich“, bedauert sie,
da die Abläufe sehr komplex und einge-
spielt seien. „Dennoch habe ich viel da-
durch gelernt, dass ich mir die gesam-
ten Arbeitsschritte anschauen konnte.“
Doch nicht nur Juristin Gielen hat bei
dem Betriebspraktikum Lehrreiches er-
fahren - umgekehrt habe auch das HR-
Management profitiert, meint Felder:
„Wir haben von Frau Gielen gelernt,
intensiver das Gesetz zu nutzen, Dinge
abzuwägen, alle Seiten zu beleuchten
und vor der Entscheidung sehr gründlich
nachzudenken – das ist eine richterliche
Arbeitsweise, die im hektische Betriebs-
alltag doch oft untergeht.“ Und so sind
sich beide einig: Als Richter nachzuvoll-
ziehen, wie Entscheidungsprozesse im
Unternehmen geschehen – gleichzeitig
als Unternehmen zu sehen, wie Richter
zu einer Entscheidung kommen, ist ein
Lernprozess, von dem beide Seiten profi-
tiert haben.
„Im Gericht sehe ich die
Parteien, wenn der Kon-
flikt eskaliert ist. Im Be-
trieb konnte ich erleben,
wie Lösungen vorher
gefunden werden.“
Judith Gielen, Richterin am Arbeitsgericht
Stuttgart
VIDEO
Welches Fazit ziehen die Beteiligten aus
dem Praktikum? Sehen Sie dazu unser
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