Seite 57 - personalmagazin_2014_04

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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
Das Interview führte
Katharina Schmitt.
Das Screening allein ersetzt keine
Intervention, erleichtert es aber ent­
scheidend, Menschen frühzeitiger auf
Belastungen aufmerksam zu machen.
Die Tools senken damit vor allem die
Hemmschwelle, sich mit dem Thema zu
beschäftigen.
personalmagazin:
Wird der Einsatz solcher
Stresserkennungstools bald zum Stan-
dard im betrieblichen Gesundheitsma-
nagement werden?
Arimond:
Ich bin fest davon überzeugt,
dass sich Methoden zur Bestimmung
von Belastungen im Allgemeinen und
spezifisch von chronischem Stress in
der Arbeitswelt durchsetzen werden.
Vor dem Hintergrund eines immer
spürbarer werdenden Fachkräfteman­
gels und der angedeuteten gesamtge­
sellschaftlichen Tragweite bieten diese
Methoden entscheidende Vorteile: So
erhöht der Einsatz der Tools die Attrak­
tivität eines Unternehmens für seine
Mitarbeiter, da für psychische Belas­
tungen frühzeitig Gegenmaßnahmen
angeboten oder die Arbeitsplatzgestal­
tung danach ausgerichtet werden kann.
Es wird dabei in Zukunft entscheidend
sein, passgenaue Angebote für die Teil­
nehmer zur Verfügung zu stellen. Inso­
fern sehe ich die Stärke der Online-Tools
auch in ihrer einfachen Bedien- und
breiten Verfügbarkeit sowie in der Ano­
nymität, die sie dem Nutzer einräumen.
Der Trend wird dabei noch stärker zu
einem ganzheitlichen Ansatz gehen,
den bereits einige Unternehmen prak­
tizieren. Das heißt: Screening durch
ein (Online-)Tool und idealerweise an­
schließende Intervention sowie weitere
Screenings im Verlauf. Nur durch brei­
te Gesundheitsangebote, für welche
die Online-Tools den entscheidenden
Einstieg ebnen können, lassen sich psy­
chisch bedingte Fehltage in Unterneh­
men langfristig und dauerhaft reduzie­
ren. Denn wir wissen längst: Prävention
spart Geld.
die Hemmschwelle für die Anwender
senken dürfte.
personalmagazin:
Inwieweit unterscheiden
sich die verschiedenen Ansätze?
Arimond:
Wie bereits angedeutet bedie­
nen sich die einzelnen Ansätze ver­
schiedener Herangehensweisen und
dienen zudem unterschiedlichen Zie­
len. So hat es der Gesetzgeber den Un­
ternehmen vor dem Hintergrund der
bereits benannten Entwicklung zur
Auflage gemacht, Arbeitsplätze auf Be­
lastungen und Gefährdungen der Mit­
arbeiter zu untersuchen. Dazu dienen
Fragebögen, die, wenn sie online zur
Verfügung stehen, eine einfache und
standortunabhängige Erhebung des Ge­
fahrenpotenzials ermöglichen. Solche
Aussagen sind dann besonders für die
Gestaltung von Arbeitsplätzen relevant.
Andere Tools untersuchen dagegen stär­
ker die Veränderungen beim einzelnen
Anwender. Sie messen dabei die statt­
findenden biologischen Veränderungen
im Organismus. Dies geschieht etwa
durch die Erhebung des körpereigenen
Stresshormonspiegels oder der Herzra­
tenvariabilität – beides Parameter, die
einen Rückschluss auf die allgemeine
Belastungs- und Erholungsfähigkeit des
Teilnehmers erlauben.
personalmagazin:
Sie arbeiten auch an
einem eigenen Stresserkennungstool. Wie
funktioniert das?
Arimond:
Unser Ansatz beschäftigt sich
mit der Veränderung von Sprache im
Kontext psychischer Belastungen. Hier
hat sich gezeigt, dass dauerhaft belas­
tete Menschen anders sprechen als
gesunde. Diese Veränderungen können
wir aus einer anonym abgegebenen
Sprachprobe ableiten und dem Teil­
nehmer anhand der Einordnung in ein
Belas­tungsschema verdeutlichen.
personalmagazin:
Würden Sie auch vor
bestimmten Methoden warnen?
Arimond:
Jeder von uns kennt die im In­
ternet und anderen Medien angebote­
nen Selbsttests zur Überprüfung eines
„Burnouts“ oder „Stressphänomens“.
Viele dieser Tests gehen leider nicht auf
wissenschaftliche Studien zurück und
differenzieren aus meiner Sicht nicht
klar zwischen Belastung und (poten­
zieller) Erkrankung. Damit bergen sie
die Gefahr, durchaus normale Zustände
zu pathologisieren, was bei den Anwen­
dern eher zu Gefühlen der Hilflosigkeit
oder einem schlechten Gewissen führen
kann. Das halte ich für kontraproduktiv,
weil dadurch die Teilnahme an nachge­
lagerten Maßnahmen tendenziell eher
erschwert denn erleichtert wird.
personalmagazin:
Kann Stress mithilfe der
Online-Messtools tatsächlich vermieden
werden?
Arimond:
Hier sollte man differenzieren.
Aktiv vermieden oder besser bearbeitet
wird die Thematik durch nachgelager­
te Ansätze – im Bereich der Gefähr­
dungsbeurteilung etwa dadurch, dass
die Ergebnisse dafür genutzt werden,
Arbeitsplätze mit geringerer Belastung
zu gestalten. Auf der Ebene des Einzel­
anwenders leisten die (Online-)Tools
den sehr entscheidenden Einstieg in die
Stressprävention und können insgesamt
eine Sensibilisierung befördern. Auch
hier bedarf es natürlich einer nachgela­
gerten Maßnahme im Sinne eines ganz­
heitlichen Ansatzes.
personalmagazin:
Welche Maßnahmen
kommen in Betracht?
Arimond:
Infrage kommen etwa Stress-
präventionskurse,
Online-Coachings
oder (telefonische) Beratungsangebote.
„Ich bin überzeugt da­
von, dass sich einige Me­
thoden zur Bestimmung
von Belastungen und
chronischem Stress in
der Arbeitswelt durch­
setzen werden.“