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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
Prof. Dr. Martin Kersting
hat den Lehrstuhl für Psycho-
logische Diagnostik der Justus-
Liebig-Uni Gießen inne.
zepte dar, darüber hinaus existieren
weitere gut untersuchte und bestätigte
Persönlichkeitsmodelle.
Persönlichkeitsmerkmale sind für
das HR-Management nur relevant, so­
fern sie arbeitsrelevant sind. Anders als
vielleicht im privaten Bereich geht es im
HR-Management niemals – auch nicht
im Coaching oder Trainingsbereich – da­
rum, sich lediglich „ein Bild“ von jeman­
dem zu machen. Es geht um Fragen der
Eignung oder der Entwicklung. Grund­
lage einer persönlichkeitsorientierten
Personalarbeit ist daher die Arbeits- und
Anforderungsanalyse.
Anforderungsanalyse als erster Schritt
Mit Anforderungsanalysen bestimmt
man die Merkmale einer Person, die für
eine erfolgreiche und/oder zufriedenstel­
lende Ausführung der Aufgaben notwen­
dig und förderlich sind. Die Frage lautet
deshalb zunächst nicht: Welcher Persön­
lichkeitsfragebogen ist gut? Sondern:
Welcher Persönlichkeitsfragebogen bil­
det die Merkmale ab, die für meine Fra­
gestellung relevant sind? Innerhalb die­
ser Gruppe der passenden Fragebogen
muss man dann die Qualitätsprodukte
auswählen und fachgerecht einsetzen.
Aus den Befunden zu Persönlich­
keitsmerkmalen sollen in der Regel in
transparenter Art und Weise Entschei­
dungen zum Beispiel über Entwick­
lungsmaßnahmen abgeleitet werden
– diesbezüglich kann man sich nicht
mit Generalklauseln behelfen. Wer ei­
nen Persönlichkeitsfragebogen einsetzt,
muss im Vorfeld entscheiden, wie mit
den Ergebnissen umgegangen wird.
Dazu sollten theoretisch mögliche Er­
gebniskonstellationen durchgespielt
werden: Was folgt daraus, wenn jemand
in dieser und jener Dimension eine nied­
rige oder mittlere oder hohe Ausprägung
aufweist, in Kombination mit einer be­
stimmten Ausprägung auf einer oder
mehreren anderen Dimension(en)?
Persönlichkeitsfragebogen sind kein
Zeitvertreib. Insbesondere der mittler­
weile schon zum Standard gewordene
Einsatz von Persönlichkeitsfragebogen
im Rahmen von Trainings muss hinter­
fragt werden: Welchen Beitrag leisten
die Ergebnisse des Fragebogens genau
zur Erreichung welches der vorab fest­
gelegten Trainingsziele? Welche empi­
rischen Nachweise für die postulierten
Transfereffekte gibt es?
NIcht alles Beliebte ist angebracht
Während Persönlichkeitsfragebogen vor
Jahrzehnten tabuisiert waren, besteht
nun die Gefahr, dass sie zu einem „Event“
im Training verkommen. Regelmäßig
werden in Trainings Fragebogen einge­
setzt, deren Auswertung nach Typen in
keinerlei Bezug steht zum Kompetenz­
modell der jeweiligen Organisation. Die
Qualifikation der für den Fragebogenein­
satz zuständigen Trainer beschränkt sich
häufig darauf, dass diese einen Zertifizie­
rungsworkshop des Fragebogenanbieters
besucht haben. Diejenigen, die die Zerti­
fizierung für Verfahren X kostenpflichtig
anbieten, sind organisatorisch identisch
mit denjenigen, die die Qualifikations­
zertifikate ausstellen. Diese wiederum
sichern den künftig vermehrten Einsatz
des von ihnen kostenpflichtig vertriebe­
nen Fragebogens und den Verdienst der
zertifizierten Trainer. Richtig begeisterte
Trainingsteilnehmer können sogar selbst
zum zertifizierten, lizenzierten Testtrai­
ner aufsteigen und den Verfahrensein­
satz und Gewinn weiter steigern. Nach
der tatsächlichen Qualifikation fragt
niemand. Auf dem Markt gibt es erfolg­
reiche „Experten“ für Persönlichkeit, die
von Haus aus Ingenieur oder Autolackie­
rer sind und ihre vermeintliche Experti­
se durch den Besuch eines Workshops
erworben haben. Diese Trainer werden
von Organisationen dafür bezahlt, ih­
ren Mitarbeitern Erkenntnisse zur Ty­
penlehre des letzten Jahrhunderts zu
vermitteln, ohne auch nur auf das von
der Organisation mühsam eingeführte
aktuelle Kompetenzmodell einzugehen.
Dabei wird häufig die psychologisch
und rechtlich sensible Grenze zum ge­
schützten Bereich der Privatsphäre ver­
letzt, wenn weder die Fragen noch ihre
Auswertung nach Typen einen klaren
Berufsbezug aufweisen.
Die Trainingserkenntnis: „Nach dem
XY-Modell bin ich der Typ X und Du bist
der Y-Typ“ ist genauso wertvoll wie die
Einsicht: „Schau mal, der Test hat ge­
zeigt, ich bin Sternkreiszeichen Fisch
und Du Löwe. Hätten wir das doch schon
früher gewusst.“ Dafür sollte man keine
wertvolle Trainingszeit verschwenden
und kein Geld bezahlen. Die – unbe­
streitbar wertvolle – Selbstreflexion, die
damit erreicht werden soll, lässt sich
mit anderen Trainingsmethoden effek­
tiver und mit weniger schädlichen Ne­
benwirkungen erzielen. Die schädliche
Nebenwirkung kann darin bestehen,
dass die Typenzuschreibung zumeist
doch – trotz des Drumherum-Redens der
Trainer – als eine Diagnose, eine stabile
Bewertung, ein Label verstanden wird
und auch so wirkt: Ich bin so, Du bist so.
Der Einsatz von Persönlichkeitsfrage­
bogen im HR-Management ist kein Selbst­
zweck, sondern ein Mittel, um ein vorab
bestimmtes Ziel zu erreichen. Jeder, der
einen Fragebogen zur Eignungsdiagnostik
oder im Bereich der Personalentwicklung
einsetzt, muss vorab Anforderungsa­
nalysen durchführen, empirisch nach­
weislich taugliche Verfahren auswählen,
Entscheidungsregeln festlegen und ziel­
gerichtete Interventionsmaßnahmen vor­
sehen. Schließlich gilt frei nach Albert
Schweitzer:­„Jede Arbeit an anderen setzt
Arbeit an sich selbst voraus.“
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Hinweis
In Ausgabe 1/2014 des Personalmagazins
wird Autor Martin Kersting erläutern, wie
man die Qualität von Persönlichkeitsfra-
gebogen bewertet. Das Diagnostik- und
Testkuratorium der Föderation Deutscher
Psychologenvereinigungen hat einige
Fragebogen untersucht und bewertet – mit
überraschenden Erkenntnissen.