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Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
700 deutschen Beschäftigten Englisch
bei – jeweils nach Bedarf. Vertrieb, Ver-
sandbuchhaltung, Einkauf, Controlling,
Finanzwesen und die Personalabteilung
haben mit ausländischen Kunden und
Kollegen in den Vertriebstöchtern Kon-
takt. Servicetechniker bauen Waschsys­
teme vor Ort auf, müssen also auch des
Englischen mächtig sein. 2012 mach-
ten in Vlotho 200 Mitarbeiter einen
Sprachkurs. Alle kaufmännischen und
neuerdings auch die gewerblichen Aus-
zubildenden sollen B1-Niveau erreichen.
Die Kurse finden in der Arbeitszeit statt,
die Kosten trägt das Unternehmen. „Das
ist eine lohnende Investition“, wertet
Personalleiter Dieter Kirstein ohne zu
zögern. „Die Sprache ist auf allen Märk­
ten ein Schlüssel.“ Deshalb wird jetzt
auch Spanisch und Französisch gepaukt
bei Kannegiesser.
Wenn die Leitung oder der Dialekt
das Verständnis erschweren
Wie sicher schon ein Bewerber die Spra-
che beherrschen muss, hängt in Vlotho
vom konkreten Job ab. „Da kann dann
schon mal ein Teil des Bewerbungsge-
sprächs in Englisch geführt werden“,
erzählt Kirstein. „Allerdings ist die
Sprache kein Ausschlusskriterium.“ Der
Personaler ergänzt: „Wenn einer offen
sagt, ich habe da Nachholbedarf, und
sonst stimmt alles, kann man das gut
nachholen.“ Auffrischungskurse wer-
den kontinuierlich angeboten.
Organisatorisch hat Mittelständler
Kannegiesser den Bildungsverein „Mach
1/Mach 2“ mit gegründet, um die Wei-
terbildungswelt nicht immer wieder
neu erfinden zu müssen. So genügt im
Unternehmen eine Weiterbildungsbe-
raterin, die in enger Abstimmung mit
der Englischlehrerin die Kursinhalte
bestimmt und die Teilnehmer benennt.
Die selbstständige Englischlehrerin aus
Spenge bei Herford, Christine Drewes,
ist Subunternehmerin von Mach 1/Mach
2. Den ersten Englischkurs bei Kanne-
giesser gab Drewes vor zehn Jahren – für
Außendienstler im Vertrieb. Jetzt startet
sie montags schon um sieben Uhr mit
einem Konversationskurs über Kanne-
giesser-Themen und aktuelles Alltags-
geschehen. Später am Tag lässt sie die
Azubis Maschinen erklären, übers Ta-
gesgeschehen diskutieren oder bereitet
mit ihnen Präsentationen vor. „Wir leh-
ren ein internationales Englisch, das bri-
tisch geprägt ist“, erklärt Drewes. „Und
es wird viel gesprochen, da die meisten
Teilnehmer da unsicherer sind.“ Vor
allem Telefonate seien schwierig, weil
die Leitung rauscht oder der Dialekt das
Verständnis erschwert, man aber sofort
reagieren müsse. Bei Mails könne man
dagegen über einer Antwort länger brü-
ten oder sie auch schon mal der Lehrerin
zum Korrigieren weiterleiten.
Europäische Levels setzen sich durch
Ob Kannegiesser, C. A. Picard oder Kon-
zerne wie Allianz und BASF: Durchge-
setzt haben sich europäische Levels zur
Einschätzung von Sprachkenntnissen,
die von A1 bis C2 reichen und elemen-
tare, selbstständige und kompetente
Sprachverwendung abbilden. Für alle
Stufen gibt es Zertifikate. Auch wenn
Unternehmen die Europarat-Standards
des Common European Framework of
Reference for Languages (CEFR) nicht
mit Prüfungen koppeln, das Einstiegs-
niveau wird häufig mit dem CEFR ge-
messen – und auch die Ziele werden mit
diesem Maßstab definiert.
Deutsch für Neu-Ludwigshafener aus
dem Ausland
Was hinzukommt, sind firmenspezifi-
sche Lernziele. „Beim Erlernen einer
Fremdsprache ist es zunächst wichtig,
genau die Situationen am Arbeitsplatz
zu betrachten, die in der Fremdsprache
bewältigt werden müssen“, beschreibt
Petra Jahn-Stahnecker, Leiterin des
BASF-Lernzentrums. Das gilt für die
Weltsprache Englisch, aber auch für das
ebenfalls gelehrte Chinesisch oder – für
Neu-Ludwigshafener aus dem Ausland
– für Deutsch. Beim Chemieriesen wird
für jede Englischstunde ein konkretes
Lernziel vereinbart. „Zum Einsatz kom-
men vor allem authentische Materialien
aus dem Arbeitsumfeld des Mitarbeiters
wie Geschäftsbriefe oder Sicherheits-
datenblätter“, so Jahn-Stahnecker. Zwei
Dinge erhofft sich die Lernzentrumslei-
terin mit der Arbeitsplatznähe zu errei-
chen: „Schnelle Erfolgserlebnisse, die
motivieren, und eine langfristige Veran-
kerung des Wissens.“ BASF setzt jedoch
nicht nur auf Kurse, sondern auch auf
Auslandsaufenthalte – etwa für Trai-
nees, Studierende der dualen Studien-
gänge und Auszubildende, die an einem
internationalen Austauschprogramm
teilnehmen – und auf Selbstlernmedi-
en. Bei der Frage, welcher persönliche
Lernstil samt dazu passender Lernstra-
tegie für den einzelnen Mitarbeiter am
meisten Erfolg verspricht, können sich
Sprachschüler im Lernzentrum Rat ho-
len. Immerhin ist bei vielen die Schule
schon eine Weile her und außerdem
„Es wäre artifiziell, wenn zwei portugie-
sische Mitarbeiter Englisch miteinander
sprechen würden.“
Christian Finckh, Chief Human Resources Officer der Allianz Gruppe
„In unseren Kursen wird viel ge­
sprochen, da die meisten Teilnehmer
da unsicherer sind.“
Christine Drewes, selbstständige Englischlehrerin