20
Titel
_hr-kommunikation
personalmagazin 12 / 13
Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
wurde im staatlichen Bildungssystem
auf individuelles Herangehen ans Ler-
nen ohnehin nicht so sehr geachtet. Was
unstrittig bleibt: Englisch ist bei so man-
chem Job überlebenswichtig, wenn der
gut gemacht werden soll.
Englische Sprache ist Voraussetzung
für Beförderung
Diese Erkenntnis bewegte den Vor-
standsvorsitzenden der Allianz SE,
Henning Schulte-Noelle, schon 1999. In
einem Brief an seine obersten Führungs-
kräfte zum Spracherwerb beschwor er
damals eindringlich, die Notwendigkeit
der internationalen Zusammenarbeit in
englischer Sprache zu bedenken. „Kom-
munikation in der Allianz erfordert eine
gemeinsame Sprache“, startete Schulte-
Noelle seinen Aufruf an die Top-Mana-
ger, um dafür zu sorgen, dass „alle Füh-
rungskräfte spätestens innerhalb von
drei Jahren im Englischen kommuni-
zieren können“. Der Allianz-Chef wurde
energisch-direkt: „Die Beherrschung der
englischen Sprache wird Voraussetzung
… letztlich für die Beförderung.“
Was vor 14 Jahren noch Überraschung
hervorrief, ist heute jedem klar: An der
Firmensprache Englisch kommt nie-
mand vorbei. 40 Prozent der Mitarbei-
ter in der Münchener Allianz Holding
sprechen kein Deutsch. Die Heimatspra-
chen sind in den Ländergesellschaften
verankert, da geht es dem Italienischen
wie demAmerikanischen und demDeut-
schen. In der Holding existieren Arbeits-
gebiete wie die globale Steuerung, die
interne Unternehmensberatung oder
das Riskmanagement, in denen inter-
nationale Teams Normalität sind. „Da
muss man nicht Deutsch sprechen kön-
nen, sondern Englisch“, sagt Christian
Finckh, Chief Human Resources Officer
der Allianz Gruppe, der als Personalchef
gleichzeitig betont: „Die englische Spra-
che darf kein Selbstzweck sein.“ Sie wird
gekoppelt an die Notwendigkeit, die das
Geschäft mit sich bringt.
Auch Pförtner und Telefonistin müs-
sen englisch sprechen
Führungskräfte aller Länder vereinigen
sich in der angelsächsischen Weltspra-
che. Wenn der aktuelle Vorstandsvor-
sitzende Michael Dieckmann in Frank-
reich zur Konferenz lädt, wird seine
englische Rede nicht übersetzt. Auch
Führungskräfte-Infos kommen einheit-
lich auf Englisch. Sicherheitsbestim-
mungen – etwa an Feuerlöschern und
Fluchtwegen in der Münchener Zentrale
– sind dagegen zweisprachig wie auch
Arbeitsverträge.
Wie hoch der sprachliche Level in
der Konzernsprache Englisch ist, hängt
von der Funktion ab. Wer deutsches Ge-
sellschaftsrecht bearbeitet oder in der
deutschen Schadensachbearbeitung Fäl-
le abwickelt, wird dies in Deutsch tun.
Auch Vertriebler der Landesgesellschaf-
ten sind selbstverständlich in der Lan-
dessprache unterwegs. Doch schon der
Pförtner und die Telefonistin der Holding
müssen in München auf englische An-
sprache trainiert werden. Und wer Sta-
tionen im Ausland übernimmt – sei es
in Kolumbien oder in Großbritannien –,
dem stehen Englischlehrer in Intensiv-
kursen bei. Gruppen- und Einzelkurse,
Levels von Alltagskonversation bis zur
versicherungsmathematischen Fach-
diskussion: Das Schulungsprogramm
setzt konsequent auf Anwendungsori-
entierung. Bezahlt wird der Sprachun-
terricht von der Allianz. Und damit die
Mitarbeiter ihre Freizeit opfern, werden
besondere Anreize geschaffen: In Italien
kann die ganze Familie online mitler-
nen. Business Englisch von zu Hause aus
inklusive einiger Telefonate mit Native
Speakers – diese Jahresaktion kam am
Stiefel gut an.
Ins Englische wechseln, sobald einer
kein Deutsch spricht
Die Freiwilligkeit und der Spaß enden
allerdings dort, wo Sprachvermögen
und Jobanforderung auseinanderklaf-
fen. „Wenn jemand an Teamsitzungen
nicht teilnehmen könnte, weil er die
Sprache nicht beherrscht, dann kann er
diese Stelle nicht einnehmen oder eben
erst, wenn sein Englisch gut genug ist“,
meint Finckh. „Aber es wäre artifiziell,
wenn zwei portugiesische Mitarbeiter
Englisch miteinander sprechen wür-
den.“ Die Anreize liegen also im Job. Da
begegnen die einen der Konzernsprache
schon in der Stellenausschreibung und
im Bewerbungsgespräch, die anderen
erst im Assessment Center (AC), wenn
sie Karriere machen wollen. „Ab einer
bestimmten Hierarchieebene finden
die AC in Englisch statt“, sagt Perso-
nalchef Finckh, der in seiner Abteilung
Mitarbeiter aus 29 Nationen beschäf-
tigt. „Da ist es bei uns in München ein
ungeschriebenes Gesetz, dass man ins
Englische wechselt, sobald einer kein
Deutsch spricht.“
„Wir erhoffen uns schnelle Erfolgs
erlebnisse, die motivieren, und eine
langfristige Verankerung des Wissens.“
Petra Jahn-Stahnecker, Leiterin des BASF-Lernzentrums
„Die Sprache ist kein Ausschluss
kriterium. Wenn sonst alles stimmt,
kann man das gut nachholen.“
Dieter Kirstein, Personalleiter der Herbert Kannegiesser GmbH
Ruth Lemmer
ist freie Journalistin und
Fachautorin in Düsseldorf.