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ORGANISATION
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PERSONALDIAGNOSTIK
so Staller. Wer hier eine hohe Ausprä-
gung hat, liebt einen extra Parkplatz mit
Namensschild. Ich nicht. Ich will angeb-
lich Gleiche unter Gleichen sein. Als ich
nicht recht zustimme, versucht er es mit
einer anderen Aussage. „Es müsste nega-
tiv auf Sie wirken, als etwas Besonderes
herausgestellt zu werden.“ Nun ja.
Interpretation ist ein weites Feld
Beim Motiv „Rache und Kampf“ geht es
darum, wie wichtig einem der Vergleich
mit anderen ist. „Sie möchten gern in
einem Wettkampf als Sieger vom Platz
gehen“, sagt Staller. Aber Wettkämpfe in-
teressieren mich überhaupt nicht. Dann
eben eine andere Interpretation: „Sie
sind niemand, der einem Streit aus dem
Weg geht.“ Das erinnert mich an Horos-
kope. Da werden die Aussagen auch
möglichst vieldeutig und unkonkret
formuliert, sodass sie eigentlich immer
passen. Beispiel: „Sie sind ein durchset-
zungsfähiger Mensch, aber manchmal
gelingt es Ihnen nicht, Ihre Bedürfnisse
deutlich zu machen.“ In der Psycholo-
gie nennt man das „Barnumeffekt“. Man
legt Menschen ein entsprechend formu-
liertes Persönlichkeitsprofil vor, jeder
sucht sich das heraus, was für ihn passt,
und ist anschließend begeistert von der
Treffsicherheit des Tests.
Dabei ist die Definition der Motive
manchmal erstaunlich. Neugier heißt,
Wissen um des Wissens willen, erklärt
Staller. Bei mir ist das nur gering ausge-
prägt. „Sie wollen immer, dass ein Nutzen
dahintersteht“, erklärt er. Schlecht für
eine Journalistin. Schließlich ergibt sich
nicht aus jedem interessanten Thema
auch ein Artikel. Prompt kommt das Ge-
genargument: Wer extrem hohe Neugier
hat, der ist wenig am Nutzen interessiert
und wird oft nicht fertig mit seinen Auf-
gaben. Alles stimmt irgendwie immer,
auch wenn es nicht stimmt.
Unordnung als Zeichen der Flexibilität
Überraschungen gibt es auch beimMotiv
„Ordnung“. Eine niedrige Ausprägung
stehe für Flexibilität, eine hohe für eine
starke Wahrnehmung für Hygiene und
Sauberkeit. Sind flexible Menschen da-
her Schmutzfinken? Nein, so sei es auch
wieder nicht. Aber wer eine hohe Aus-
prägung habe, der wische eben seinen
Fußboden nicht einmal in der Woche,
sondern täglich. Und er sei in einem Job,
wo es auf Hygiene besonders ankommt,
gut aufgehoben. Das klingt mir doch
sehr nach Küchenpsychologie.
Ziemlich wirr wird es beim Motiv
„Familie“. Denn Familie steht eigentlich
für den Wunsch nach Kindern. „Familie
klingt aber besser“, sagt Staller. Das sei
die einzige Aussage, die gegebenenfalls
missverständlich dargestellt ist, gesteht
er. In der Tat. Ich hatte schon die Anwei-
sung nicht richtig verstanden. Da heißt
es: „Bitte achten Sie beim Ausfüllen bei
den Aussagen zur ‚Familie‘ darauf, dass
es sich hierbei nicht um Aussagen zu Ih-
rer Ursprungsfamilie handelt, sondern
um das Streben, eigene Kinder zu erzie-
hen. Haben Sie noch keine Kinder, stel-
len Sie sich vor wie es wäre, eine eigene
Familie zu haben.“ Das Motiv stehe in
Wirklichkeit für die Fürsorge für Kinder,
erklärt Staller dann. Dabei gehe es kei-
neswegs darum, ob man eine gute Mut-
ter oder ein guter Vater ist, sondern um
die Rollenerfüllung. Der eine sei eben
fürsorglich zu seinen Kindern, der an-
dere habe eher ein partnerschaftliches
Verhältnis.
Aber Rollenerfüllung hat doch ehermit
sozialen Erwartungen als mit Motiven
zu tun. Und warum ist die Ausprägung
der Fürsorge für Kinder im Berufsleben
oder bei der Personalauswahl wichtig?
Das habe sehr viel mit dem Beruf zu tun,
sagt Staller. Wenn eine Führungskraft
nur eine geringe Ausprägung beim Mo-
tiv Familie habe, ihre Mitarbeiter aber
eine hohe, dann falle es ihr möglicher-
weise schwer, die „Emotionen der ande-
ren nachzuvollziehen und empathisch
darauf einzugehen“. Schließlich kön-
ne man aufgrund des Profils mit einer
gewissen Wahrscheinlichkeit auf das
Verhalten schließen. Aber auch ohne
ausgeprägte Kinderfürsorge kann ich
doch empathisch auf meine Mitarbeiter
zugehen. Ja, erklärt Staller, aber dann
habe dies mit Reflexion zu tun.
Essen als geheimes Erfolgsrezept
Und das Essen? Ich wäre nicht die Ein-
zige, die die Fragen genervt haben.
Auch eine Dame aus dem Personalvor-
stand eines Unternehmens fand sie läs-
tig. Weil bei ihr das Motiv nur schwach
ausgeprägt war, konnte sie auch nicht
verstehen, warum in der Kantine ständig
genörgelt wurde. Ihn zum Beispiel mo-
tiviere Essen stark. Wenn seine Freun-
din daher mit ihm in ein Museum wolle,
mache sie sich vorher Gedanken, wie sie
ihn danach mit einem Essen eine Freude
machen könne. „Gib dem Affen Zucker“,
kommentiert Staller das Vorgehen und
spekuliert: „Ein Essensgutschein wäre
für Sie sicher nicht das richtige Goody.“
Dann lerne ich, dass körperliche Ak-
tivität ein Bestandteil der menschlichen
Persönlichkeit ist. Steven Reiss habe he-
rausgefunden, dass das kulturübergrei-
fend für Menschen wichtig ist. Bei mir
nicht. Daher könnte mir wiederum das
Verständnis für Menschen fehlen, die
nicht ohne zwei Stunden Sport am Tag
leben können.
Körperliche Empfindungen werden
auch beim Motiv „Emotionale Ruhe“ ab-
gefragt. Da heißt es etwa „Es beunruhigt
mich zutiefst, wenn mein Herz schnell
schlägt“. Bei dem Motiv gehe es darum,
„Seine Interpretation erinnert mich an Horoskope.
Da werden die Aussagen auch so vieldeutig und
unkonkret formuliert, dass sie immer passen.“