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NEUES MANAGEMENT
„Eine Frage desMindsets“
INTERVIEW. Andrea Hollenburger, Personalchefin der Scout 24 Holding GmbH,
erläutert die Auswirkungen von Scrum am Beispiel ihrer Geschäftsfelder.
personalmagazin:
Seit wann arbeiten Sie
in der Scout-Gruppe mit Scrum?
Andrea Hollenburger:
Bei Immobilien-
scout24 sind wir 2008 mit einem
Team gestartet und haben dort jetzt
23 Teams. Bei Autoscout24 waren es
anfangs drei, inzwischen sind es zehn.
personalmagazin:
Wie war die Reaktion
der Mitarbeiter? Ist etwas davon bei
Ihnen im HR-Bereich angekommen?
Hollenburger:
Wenn wir mit neuen
Themen starten, machen sich die
Fachabteilungen und HR schon im
Vorfeld Gedanken darüber, wie man die
Mitarbeiter vorbereiten kann. Die Mit-
arbeiter waren, wie übrigens bei allen
Change-Prozessen in unserem Hause,
von Anfang an voller Elan dabei und
haben Scrum mitgestaltet. Es gab aber
auch einige, die erst einmal verstehen
mussten, wie Scrum funktioniert und
was das Thema Selbstorganisation
eigentlich im Arbeitsalltag bedeutet.
personalmagazin:
Hat die Selbstorgani-
sation besondere Auswirkungen auf
Personal und Führung?
Hollenburger:
Wir leben unseren „Scouty
Spirit“, eine Unternehmenskultur,
die ein hohes Maß an Vertrauen und
„Empowerment“ gegenüber jedem
Einzelnen aufweist. Und die Agilität bei
Scrum kommt dieser Kultur sehr ent-
gegen. Wir haben die Führungskräfte
dahingehend gecoacht und eine klare
Trennung zwischen Teamleiter und
Scrum-Master vollzogen. Der Teamleiter
ist primär disziplinarisch für alle Mitar-
beiter verantwortlich. Der Scrum-Master
ist der Hüter des Scrum-Prozesses, er
führt das Team lateral auf dem Weg zur
Selbstorganisation und – ein ganz wich-
tiger Aspekt – schützt es vor Störungen
von außen. Wichtig ist außerdem, dass
die Teammitglieder zusammensitzen.
Das fördert das Wir-Gefühl und damit
das Verantwortungsbewusstsein und
die Kommunikation in den Projekten.
personalmagazin:
Was sind aus der Sicht
von HR die größten Herausforderungen
im Change-Prozess?
Hollenburger:
Ganz klar die Tatsache,
dass agile Methoden eine Frage des
Mindsets sind. Das kann man nicht mit
einem dreitägigen Training erreichen.
Eine der großen Herausforderungen
ist es, aus Überzeugung und unter
Berücksichtigung struktureller und
inhaltlicher Gegebenheiten die Abläufe
anzupassen und das ganze Unterneh-
men als System zu begreifen. Es reicht
nicht, ein kleines Rad am Ende zu
drehen. Man darf auch nie glauben,
dass ein agiler Veränderungsprozess ir-
gendwann aufhört. Denn immer wieder
gibt es Blockaden und Hindernisse, die
gelöst werden müssen.
personalmagazin:
Gibt es Erfolge?
Hollenburger:
Allerdings. Bei Autoscout24
ist die Effizienz der Teams innerhalb
eines Jahres um sensationelle 200
Prozent gestiegen. Die Qualität der
ausgelieferten Produkte und Features
wurde deutlich erhöht und die Anzahl
von kritischen Fehlern ist seit der
Einführung von Scrum um 80 Prozent
gesunken. Bei Immobilienscout24 ist
die Release-Frequenz von vier auf eine
Woche reduziert worden. Außerdem
hat sich die Qualität der Entwicklung
drastisch verbessert. Hier haben wir die
Fehlerquote um die Hälfte reduziert.
Heute werden doppelt so viele Features
live geschaltet wie vor dem Start von
Scrum.
personalmagazin:
Ist Scrum auch außer-
halb der Software-Entwicklung nutzbar?
Hollenburger:
Wir sind heute tatsächlich
eine agile Organisation. Alle an der Pro-
duktentwicklung beteiligten Bereiche
arbeiten agil bei uns. Angrenzende
Bereiche müssen zumindest verstehen,
was dahintersteckt.
Senior Vice President Human Resources,
Scout 24 Holding GmbH
Andrea Hollenburger
personalmagazin 06 / 12
Das Interview führte
Silke Wiegand.