Seite 37 - personalmagazin_2011_05

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MANAGEMENT
WISSENSCHAFTSTRANSFER
Das Interview führte
Randolf Jessl.
personalmagazin:
Wann entpuppen
sich Theorien als Ideologien, wie es
Thomas Sattelberger mit Blick auf die
Annahmen der Denkschule um Milton
Friedman diagnostiziert?
Wolf:
Ideologien entstehen dann oft,
wenn eine Zielkategorie, auf die sich
das Handeln beziehen soll, ungebüh-
rend in den Vordergrund gerückt wird.
Das ist ja bei dem als „Shareholder
Value“ titulierten Denkansatz passiert.
Außerdem kennzeichnet eine Ideologie,
dass die sie stützenden Argumentatio-
nen nicht ausreichend durch Forschung
abgesichert sind.
personalmagazin:
Wer trägt die Schuld,
wenn aus Theorien Ideologien werden:
Wissenschaftler oder Praktiker?
Wolf:
Ich denke, das geschieht immer
im Zusammenwirken. Vielen nach wis-
senschaftlicher Strenge strebenden For-
schern kommt es entgegen, wenn sie
in ihren Untersuchungen auf nur eine
Zielkategorie hin optimieren können.
Und vielen Managern kommt es zupass,
wenn diese Zielkategorie die Interessen
ihrer Dienstherren bündelt. Für beide
Gruppen wird die Welt einfacher ...
personalmagazin:
Wie kann man das
Verhältnis von Wissenschaft und Praxis
auf solidere Füße stellen?
Wolf:
Die beiden Seiten müssen wieder
enger zusammenarbeiten. Bei der
Bildung von Modellen und der Interpre-
tation von Befunden müssen Wissen-
schaftler die Praktiker einbeziehen.
Auch sollten diese gehört werden, wenn
es um die Wahl von Forschungsthemen
geht. Die meisten Arbeiten antworten
ja auf eine Erkenntnislücke, auf die ein
hoch dekorierter Forscherkollege in
einem Artikel hingewiesen hatte.
personalmagazin:
Wenn Sie die Personal-
forschung in Deutschland betrachten ...
Wolf:
... dann nehme ich sie als zerris-
sene Disziplin wahr. Da entwickeln sich
die verhaltenswissenschaftliche, von
der sozialen Eingebettetheit der Indivi-
duen her denkende, und die personal-
ökonomische, von der Volkswirtschaft
geprägte Sichtweise relativ unabhängig
voneinander. Letztere unterstellt ein
nach Eigennutz strebendes Individuum.
personalmagazin:
Wo liegt dann der Wert
von Wissenschaft in der praktischen
Personalarbeit? Die Systemtheorie ist
ja zum Beispiel in der Personalentwick-
lung sehr präsent.
Wolf:
Das ist ein gutes Beispiel. Das von
der Systemtheorie inspirierte Denken
hat sowohl beim Entwurf als auch bei
der Implementierung von Strategien
positive Wirkung entfaltet. Da hat die
Theorie den Blick für vielfältige Abhän-
gigkeiten und Nebeneffekte geschärft.
personalmagazin:
Dann ist richtig verstan-
dene Wissenschaft also nach wie vor
Impulsgeber für die Praxis?
Wolf:
Ja. Allerdings bleibe ich dabei: Je
rigoroser und filigraner Wissenschaft
vorgeht, desto weniger wird sie direkte
Wirkung auf die Praxis entfalten kön-
nen. Wissenschaft ist wie Homöopathie:
Sie wirkt nicht sofort.
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