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personalmagazin 05 / 11
WISSENSCHAFTSTRANSFER
„Universalgelehrte sind passé“
INTERVIEW. Praktiker sehen das Gesamtbild, doch Forscher untersuchen immer
kleinere Ausschnitte der Wirklichkeit. Was darf der eine vom anderen erwarten?
personalmagazin:
Die Erwartungen an die
Wissenschaft sind groß, wenn es darum
geht, den Praktikern den richtigen Weg
zu weisen. Kann Wissenschaft diese
Erwartungen einlösen?
Joachim Wolf:
Nur dann, wenn die Prak-
tiker realistische Vorstellungen haben,
was sie von Wissenschaft erwarten
dürfen. Dafür bedarf es eines tieferen
Verständnisses, wie die Sozialwissen-
schaften, auf die ich mich hier beziehe,
funktionieren.
personalmagazin:
Dann beginnen wir
mit dem sprichwörtlichen Synonym
für Wissenschaft, der Theorie. Wozu
braucht der Wissenschaftler diese?
Wolf:
Theorien sind logische Systeme, in
denen Teilerkenntnisse einer wissen-
schaftlichen Disziplin miteinander zu
einem Ganzen verbunden werden. Sie
helfen, Argumentationen abzusichern.
personalmagazin:
Und wie entsteht ein
Paradigma?
Wolf:
Ein Paradigma ist quasi eine
Supertheorie, eine übergeordnete
Sichtweise in einem Erkenntnisfeld. Da
es in der Wissenschaft vielfach keine
absolute Wahrheit gibt, sind Paradig-
men das Set aus Überzeugungen und
Grundannahmen, die den herrschenden
Lehrmeinungen zugrunde liegen. Diese
Paradigmen aber können sich ändern.
personalmagazin:
Wann passiert das?
Wolf:
In den Sozialwissenschaften, zu
denen ja die Wirtschaftswissenschaf-
ten gehören, geschieht dies oft durch
den Einfluss der Praxis. Während viele
Theoretiker im Rahmen des Paradigmas
immer filigranere Untersuchungen
vornehmen, bemerken vor allem einige
ihrer praktisch orientierten Kolle-
gen, dass manche Grundannahmen
wirklichkeitsfremd sind. Die Zweifel
provozieren neue Forschung, aus der
entstehen Theorien, die die Mängel der
Vorgängertheorien beseitigen wollen.
Diese neuen Sichtweisen verdichten
sich zu einem neuen Paradigma.
personalmagazin:
Und dann ist ein hö-
heres Erkenntnisniveau erreicht?
Wolf:
Das ist nicht zwangsläufig der Fall.
personalmagazin:
Was begünstigt die
Durchsetzung einer Theorie oder die
Herausbildung eines Paradigmas?
Wolf:
Zum Beispiel das Vorhandensein
einer Denkschule, die die Theorie stützt
und weiterentwickelt. Denn machen
wir uns nichts vor: Auch Wissenschaft
ist ein soziales System, in dem Lehrer-
Schüler-Beziehungen bestehen und
gleichsam Dynastien ihre Sicht- und
Vorgehensweisen weitertragen. Das
kann im schlimmsten Fall so weit
gehen, dass sich manche Schulen kaum
noch austauschen und verstehen.
personalmagazin:
Dann darf die Praxis
von diesem System, das auf wechseln-
den Annahmen und Gruppenloyalitäten
basiert, nicht allzu viel an brauchbarer
Handlungsempfehlung erwarten, oder?
Wolf:
Das erscheint mir zu skeptisch.
Aber zumindest müssen wir einräu-
men, dass sich Wissenschaft und Praxis
immer weiter auseinanderentwickeln.
Die Wissenschaftler analysieren immer
kleinere Ausschnitte der Wirklichkeit,
der Praktiker hat seine Entscheidungen
unter Berücksichtigung vieler als be-
deutsam erachteter Faktoren zu treffen.
Aufrichtige Wissenschaftler wagen
daher auch immer seltener, sich zu
Fragen der Praxis zu äußern. Die Zeiten
des Universalgelehrten sind vorbei.
personalmagazin:
Ist das ein Verlust?
Wolf:
Ich glaube, dass die Empfehlungen
der Wissenschaft früher auch nicht
immer direkt umsetzbar waren. Die
Forscher haben sich jedoch mehr Emp-
fehlungen zugetraut. Vielleicht waren
sie auch nur dreister als ihre heutigen
Kollegen.
lehrt an der Universität zu Kiel und
ist Autor des Buches „Organisation,
Management, Unternehmensführung“,
das Managementtheorien hinterfragt.
Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Wolf