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KRANKENKASSEN
RECHT
10 / 09 personalmagazin
„Vielewerden es ebenfalls tun“
INTERVIEW. Bisher redeten alle nur davon, jetzt aber hat eine Krankenkasse
ernst gemacht und einen Zusatzbeitrag von acht Euro pro Versichertem festgelegt.
W
erden die Krankenkassen
mit den Mitteln aus dem
Gesundheitsfonds aus-
kommen? Skeptiker haben
dies von Anfang an bezweifelt. Auch bei
informellen Gesprächen der Redaktion
mit Finanzexperten der Krankenkas-
sen war immer wieder die Rede davon,
dass man „früher oder später“ nicht an
Zusatzbeiträgen vorbeikommen werde.
Wer sich aber als Erstes der Realität
stellt und auf seine Mitglieder mit zu-
sätzlichen Beitragsforderungen zugeht,
ist erst jetzt klar: Eine regionale Kasse
hat hier Farbe bekannt. Die gemeinsame
Betriebskrankenkasse Köln (GBK) sieht
sich in der Pflicht, von jedem Versicher-
ten einen Zusatzbeitrag von acht Euro
zu erheben. Über ihre Rolle als Vorreiter
in der Beitragswelt sprach das Perso-
nalmagazin mit dem Vorstand der GBK,
Helmut Wasserfuhr.
personalmagazin:
Ihrem Geschäftsbericht
aus dem Jahr 2008 ist zu entnehmen,
dass Sie eigentlich sehr gut gewirt-
schaftet haben. Warum hat sich im Jahr
2009 diese Lage so dramatisch ver-
schlechtert hat?
Helmut Wasserfuhr:
Durch die Einführung
des Gesundheitsfonds zum Januar 2009
kann man die Geschäftsjahre 2008 und
2009 nicht unbedingt miteinander ver-
gleichen. Wir wären auch für das Jahr
2009 ohne Zusatzbeitrag ausgekom-
men, wenn wir nicht ein haftungsloses
Darlehen an den BKK Bundesverband
GbR zurückzahlen müssten. Dieses
Darlehen haben wir 2005 aufgrund zwei
teurer Leistungsfälle mit Ausgaben von
14 Millionen Euro erhalten. Der dafür
eingerichtete Sanierungsbeirat des BKK
Bundesverbands GbR hat uns aufgrund
der geschlossenen Verträge gezwungen,
ab Juli 2009 einen Zusatzbeitrag zu
erheben.
personalmagazin:
Helfen Ihnen die acht
Euro pro Versichertem überhaupt
weiter? Wie hoch schätzen Sie den
Verwaltungsaufwand, um an Ihr
Geld zu kommen? Sie müssen ja
bei jedem Versicherten einzeln „ab-
kassieren“.
Wasserfuhr:
Die acht Euro helfen uns
schon weiter und wir hoffen ab 1.1.2010
wieder auf den Zusatzbeitrag ver-
zichten zu können. Der Verwaltungs-
aufwand ist immens, aber wir haben
bisher alles ohne fremde Hilfe gemeis-
tert, so dass maximal ein Euro an Ver-
waltungskosten entstehen wird. Weit
über 60 Prozent unserer Mitglieder
haben bereits innerhalb der ersten zehn
Tage eine Einzugsermächtigung erteilt.
Hieran sieht man auch die hohe Identi-
fikation unserer Versicherten
mit ihrer GBK.
personalmagazin:
Befürchten Sie nicht,
dass jetzt massenweise Versicherte Ihre
Kasse verlassen?
Wasserfuhr:
Klar ist, dass uns Mitglieder
verlassen werden. Aber bereits jetzt
steht fest, dass wir keine fünf Prozent
der Versicherten verlieren werden.
Hierauf sind wir auch ein wenig stolz.
Unsere Versicherten wissen, was sie
von unserer regionalen Betriebskran-
kenkasse haben.
personalmagazin:
Werden wir uns im
nächsten Jahr flächendeckend an einen
Zusatzbeitrag gewöhnen müssen?
Wasserfuhr:
Ich bin mir sicher, dass späte-
stens ab Januar 2010 eine Vielzahl von
Krankenkassen einen Zusatzbeitrag
erheben werden. Und es wird Kassen
geben, die dies nicht tun und spätestens
im Oktober Gefahr laufen, insolvent zu
sein. Gesundheitsfonds und Zusatzbei-
trag sind ein Baustein zum Abbau der
Kassenvielfalt. Irgendwann wird es nur
noch fünf Krankenkassen geben mit
den gleichen finanziellen Problemen
wie heute. Was dann geschieht, kann
jeder für sich ausrechnen.
Vorstand der gemeinsamen Betriebs-
krankenkasse Köln (GBK).
Die GBK hat zirka 42.000 Versicherte.
Weitere Infos unter
Helmut Wasserfuhr
Das Interview führte
Thomas Muschiol.