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GESUNDHEITSMANAGEMENT
ORGANISATION
10 / 09 personalmagazin
ner Studie im Auftrag des Bundesmini-
steriums für Arbeit aus dem Jahr 2007
(„Unternehmenskultur, Arbeitsqualität
und Mitarbeiterengagement in Unter-
nehmen“) wird das individuelle Engage-
ment maßgeblich vom Empfinden einer
weitgehend harmonischen Gemeinschaft
geprägt, in der die Menschen an gemein-
samen Zielen wirken und in der das Ge-
ben und Nehmen nach fairen Prinzipien
gestaltet ist. Zwischen der Verfolgung ei-
gener Interessen und der Unterstützung
mitmenschlicher Bedürfnisse muss dem-
nach kein Konflikt bestehen.
Die Stärke eines Unternehmens be-
ruht im Wesentlichen auf den Werten,
Talenten und Initiativen der dort tätigen
Menschen, ihrem Gemeinschaftssinn,
der Überzeugungskraft der gemein-
samen Ziele und der Verbindlichkeit
der getroffenen Vereinbarungen. Doch
gestaltet sich eine Explizierung dieser
erfolgstreibenden Faktoren anhand von
Kennzahlen schwierig, da sie sich einer
unmittelbaren Messung weitgehend ent-
ziehen. Anstatt menschliche Werte mit-
telstechnokratischerKennzahlensysteme
explizieren zu wollen, ist es wirksamer,
die mit ihnen verbundenen Fragen nach
Macht- und Ressourcenverteilung in der
ausgleichenden Gemeinschaft im Dialog
zu klären. Ein konstruktiver Umgang
mit menschlichen Werten erfordert eine
mündige Urteilsfähigkeit. Ein Unterneh-
men soll demnach als ein Ort der indi-
viduellen Entwicklung an gemeinsamen
Aufgaben verstanden werden. Überdies
wirkt die ausgleichende Gemeinschaft
förderlich auf das individuelle gesund-
heitliche Befinden.
Gesundheit ist nicht als statischer und
damit zu fixierender Zustand zu betrach-
ten, sondern Ergebnis einer ständigen,
selbst gesteuerten Aktivität, um eine
Vielzahl von Belastungssituationen und
Krankheitstendenzen zu überwinden.
Folglich bedeutet Gesundheit nicht nur
Stressvermeidung, sondern auch Stress-
bewältigung. Im betrieblichen Kontext
ist Gesundheit sowohl Voraussetzung
als auch Ergebnis einer bewussten Aus-
einandersetzung mit den Bedingungen
und Herausforderungen der Arbeit.
Evidente Einflüsse von Arbeit auf die
Gesundheit zeigte eine Befragung von
458 Werkern eines Industriebetriebs. Ei-
ne multiple Korrelationsanalyse der er-
hobenen Daten offenbarte eine erhöhte
Bedeutung der Konstrukte „Copingfähig-
keit“ (die Fähigkeiten und Einstellungen
einer Person zur positiven Bewältigung
von psychischen oder sozialen Anforde-
rungen bei der Arbeit), „Identifikation
mit dem Unternehmen“, „Angst um den
Arbeitsplatz“, „mitarbeiterbezogenes
Führungsverhalten“, „soziale Unter-
stützung“, „Handlungsspielraum“ und
„gesundheitliche Beschwerden“ für das
gesundheitliche Befinden der arbeiten-
den Menschen. Neben der Gesundheit
beeinflussen die genannten Konstrukte
zudem die Handlungsfähigkeit und Pro-
duktivität (siehe Online-Kasten).
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
Arbeitsteiliges Wirtschaften bedeutet
Austausch von Arbeitsergebnissen, das
heißt, Waren und Dienstleistungen zum
Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Der
wirtschaftliche Wert einer auszutau-
schenden Leistung bemisst sich nach
Angebot und Nachfrage. Angesichts
der systembedingten Ungleichheit der
Wirtschaftspartner strebt eine gesunde
Wirtschaftsweise nach einer ausgegli-
chenen Leistungsbewertung hinsichtlich
Produktion und Verbrauch, damit der
Produzent bis zur Hervorbringung einer
gleichwertigen Leistung seine Bedürf-
nisse aus den Leistungen anderer befrie-
digen kann. Die strukturelle Ausrichtung
des „gesunden Unternehmens“ hinsicht-
lich der Erbringung, des Austausches
und der wirtschaftlichen Bewertung von
Leistungen orientiert sich demnach an
drei eigenständigen Fragenkomplexen:
Erstens: Inwiefern werden die indivi-
duellen Handlungspotenziale durch eine
Tätigkeit erweitert? Wie trägt die Arbeits-
tätigkeit dazu bei, das menschliche Be-
dürfnis nach sinnhaftem Handeln aus
eigener Einsicht und in eigener Ver-
antwortung zu befriedigen? Wie lassen
sich die menschlichen Kräfte durch den
Einsatz technischer Hilfsmittel verstär-
ken, auch angesichts möglicher alters-
bedingter Leistungseinschränkungen?
DieseFragenzielenauf eine ausgewogene
Personalentwicklung, die für eine tätig-
keits- und anforderungsgerechte Qua-
lifizierung der Mitarbeiter Sorge trägt,
sowie auf eine technisch-organisatorische
Arbeitsgestaltung, die eine ausgewogene
Belastungs-Beanspruchungs-Situation
ermöglicht.
Zweitens:Wiebringt sichdiearbeitende
Person in die betriebliche Gemeinschaft
im Sinne des Unternehmenszwecks ein?
Welche Formen der wechselseitigen, per-
sönlichen Unterstützung in der Gemein-
schaft werden praktiziert? Wie bleiben
im Zusammenwirken die Interessen des
Unternehmens und die Rechte der Mit-
menschen gewahrt? Diese Fragen zielen
auf einen Ausgleich der individuellen
Interessen, Chancen, Rechte und Pflich-
ten innerhalb eines Betriebs durch die
Erfüllung von gemeinschaftlichen Ver-
einbarungen. Die zwischenmenschliche
Anerkennung und Unterstützung trägt
dazu bei, Handlungsimpulse freizuset-
zen und demotivierende, kräftezehrende
Interessenkonflikte zu vermeiden.
Drittens: Wie orientiert sich das be-
trieblicheWaren- und Dienstleistungsan-
gebot an den Kundenmärkten? Wie ist
ein ausgewogenes Verhältnis von lei-
stungsbezogenen Einnahmen und be-
trieblichen Ausgaben zu gestalten, das
einer wertorientierten, der betrieblichen
Wachstumsphase gemäße Unterneh-
Online
Einen Überblick zur Wechselwir-
kung einzelner Tätigkeiten und der
menschlichen Handlungsfähigkeit
finden Sie online, Stichwort „BSC
im Gesundheitsmanagement“.