Seite 57 - PERSONALquarterly_2014_03

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Die geht – so die Forscherin – mit der Schulform einher. Auf
Hauptschulen entstehen andere Berufswünsche als auf dem
Gymnasium, die Schüler trauen sich andere Berufe zu.
Die Wissenschaftlerin begrüßt die Schaffung des natio-
nalen Bildungspanels, da es ähnlich dem Mikrozensus unter
Berücksichtigung des Datenschutzes Individualdaten – auch
zur sozialen Herkunft – für die Forschung freigibt. „Nicht nur
an den Hochschulen, auch in der Bildungspraxis“, davon ist
Professorin Bellenberg überzeugt, „müssen wir die Übergänge
verbessern und uns mehr um die Individuen kümmern.“
Das fängt beim Start in den Kindergarten an und geht wei-
ter über Schulen und Hochschulen bis in den Berufseinstieg.
„Wenn Menschen in ein neues System wechseln, wissen sie oft
nicht, was sie dort erwartet“, so die Bildungswissenschaftlerin.
Die Untersuchung von Best-Practice-Beispielen wäre wichtig.
„Und wir müssen in die Beratung derer investieren, die in
Systeme gehen.“
Fehlentscheidung kostet Zeit und Geld
Schulkarriere und Berufserfolg sowie Gestaltung von Übergän-
gen sind zwei Facetten von Schulforschung. Professor Heiner
Barz, der an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Bil-
dungsforschung und Bildungsmanagement lehrt, untersucht
einen anderen Ausschnitt der Bildungsdebatte: den der Schüler
und Schülerinnen, die einen Migrationshintergrund haben. Im
Dezember 2013 stellten er und sein Projektteam die Zwischen-
ergebnisse der Studie „Bildung, Migration, Milieu“ in Berlin
vor, die von der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung
Deutschland gefördert und im Dezember 2014 abgeschlossen
sein wird.
Die vorläufigen Ergebnisse der qualitativen Teilstudie – 120
Tiefeninterviews – werden nun durch eine repräsentative Er-
hebung überprüft. Hier ein paar Detailergebnisse der ersten
Phase: Milieuübergreifend wird der eigene Migrationshinter-
V. l. n. r.: Prof. Dr. Patrick Puhani (Universität Hannover), Prof. Dr. Gabriele Bellenberg (Universität Bochum),
Prof. Dr. Heiner Barz (Universität Düsseldorf)
grund und der der Kinder als Defizit eingestuft. Die Lehrer
spielen eine zentrale Rolle – sowohl für die Förderung als auch
für die Benachteiligung.
Beim Übergang in die Sekundarstufe I sind Empfehlungen
in „typische Migrantenschulen“ die Regel, also Haupt- oder
Gesamtschulen. Mehrheitlich fehlte Migranten der ersten und
zweiten Generation die Unterstützung der Eltern im Bildungs-
verlauf, was an einer Mischung aus geringen Sprachkenntnis-
sen, Zeit und Informationsmangel lag. Der Wunsch nach guter
Bildung ist in allen Milieus der Migrantenfamilien vorhanden.
Heiner Barz: „Aber während die einen nur danach fragen, ob
die Kinder die Hausaufgaben gemacht haben, ziehen Eltern
der bürgerlichen Mitte nach, was Nachhilfe, Therapien etwa
Auch Professor Barz, der an der Universität Freiburg schon
1999 über „Soziale Milieus und Weiterbildung“ habilitierte,
schätzt die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems,
die in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert wur-
de. Doch er schränkt ein: „Man muss zwar keine Angst haben,
dass mit der Entscheidung nach der vierten oder in einigen
Bundesländern nach der sechsten Klasse alles vorbei ist, aber
man verschenkt rund 15 Jahre bis zur Korrektur der frühen
Fehlentscheidung.“
Die in Deutschland sehr ideologische Diskussion über das
dreigliedrige Schulsystem aufzubrechen, scheint ihm an der
Zeit. „Der schulische Umwegprozess ist zum einen volkswirt-
schaftlich eine teure Lösung und zum anderen leiden die indi-
viduellen Glücksbilanzen von Eltern und Kindern erheblich.“
Zur Änderung sind viele, teils kleine Schritte nötig: Gemessen
werden sollten Potenziale und nicht das aktuelle Können. Leh-
rer sollten regelmäßig interkulturell fortgebildet werden. El-
tern sollten schon im Kindergarten einbezogen werden – etwa
durch Sprachschulungsangebote.