Seite 56 - PERSONALquarterly_2014_03

Basic HTML-Version

personalquarterly 03 / 14
56
Service
_Die Wahrheit hinter der Schlagzeile
D
ie Wirtschaftswoche jubelt online am 4.3.2104 in
der Überschrift: „Der Popanz der Bildungspolitik
ist entzaubert“. Und im Vorspann geht es genauso
begeistert weiter, wenn von einer „bahnbrechenden
Studie“ gesprochen wird, die belegt, dass „das traditionelle
deutsche Schulsystem durchlässiger ist als seine Gegner be-
haupten“. Etwas dezenter äußert sich die Stuttgarter Zeitung,
wenn sie online am 6.3.2014 im Vorspann formuliert: „Das
dreigliedrige Bildungssystem ist weit besser als sein Ruf“. Bei-
de Artikel basieren auf Ergebnissen einer Studie, die Professor
Patrick Puhani, Direktor am Institut für Arbeitsökonomik der
Leibniz Universität Hannover, mit seinen Kollegen Christian
Dustmann und Uta Schönberg, beide am University College in
London, veröffentlichten
Das Team erforschte die beruflichen Erfolge von Schülern,
die imGrenzbereich der Leistungsfähigkeit für die Anforderun-
gen von zwei Schulformen liegen – Hauptschule/Realschule
und Realschule/Gymnasium. Dazu wurden deutsche Geburts-
kohorten der Jahrgänge 1961 bis 1976 betrachtet, indem um-
fangreiche Zensus- und Sozialversicherungsdaten analysiert
wurden. In einem Quasi-Experiment mit Schülern, die im
Juni und Juli geboren wurden und deren anfängliche Bega-
bungen zunächst als gleich angesehen werden, werden Ursa-
che-Wirkungszusammenhänge untersucht. Das Ergebnis der
Forscher: Juli-Kinder sind, aufgrund einer Einschulungsregel
mit Stichtag, älter in der Klasse als Juni-Kinder und wechseln
aufgrund besserer Leistungen nach der 4. Klasse häufiger auf
eine höhere Schulform. Die frühe Wahl der Schulform hat je-
doch keinen Einfluss auf den späteren beruflichen Erfolg dieser
Schüler, der an erreichten Bildungsabschlüssen, der Beschäf-
tigungsquote und dem Erwerbseinkommen gemessen wird.
Schulsystem ist flexibler als gedacht
Konkret: Im Alter zwischen 30 und 40 Jahren bestehen in
diesen Ergebnissen keine Unterschiede mehr zwischen Juli-
und Juni-Kindern, obwohl Juli-Kinder zunächst eine höhere
Schulform besuchten. Die Wissenschaftler begründen ihre Er-
gebnisse mit der hohen Durchlässigkeit des deutschen Schul-
systems, vor allem nach der 10. Klasse. Professor Puhani zieht
den Schluss, dass „die Entscheidung für eine bestimmte Schul-
Das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland wird sehr emotional diskutiert. Forscher
steuern Studienergebnisse zur Bildungsdebatte bei, die auf Rationalität basieren.
Karriere in Bildung und Beruf
form für zehnjährige Kinder überbewertet wird, was den Ein-
fluss auf den beruflichen Lebensweg angeht“. Er sagt: „Unser
Schulsystem ist flexibler als wir denken und lieferte 2012 eines
der besten PISA-Ergebnisse in Europa, auch besser als das Er-
gebnis der USA. Um unser duales Ausbildungssystem, das mit
dem mehrgliedrigen aber flexiblen Schulsystem verknüpft ist,
werden wir, auch wegen der damit verbundenen niedrigen Ju-
gendarbeitslosigkeit, international beneidet.“ Keine Aussagen
treffen die Wissenschaftler aus Datengründen zur Schul- und
Berufskarriere von Kindern mit Sprachschwierigkeiten und zu
Kindern mit ausländischen Pässen.
Während es laut einiger Studien zwischen der 5. und 10.
Klasse mehr Ab- als Aufsteiger gibt, steigt die Zahl der Schul-
formaufsteiger nach Klasse 10 an. Tatsächlich bieten die
Bundesländer unterschiedlichste Wege, auf denen Jugendli-
che nach Klasse 10 zum Fach- oder Vollabitur kommen. Dazu
tragen verschiedene Schulformen bei: Fachoberschulen und
Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien oder berufliche
Gymnasien. Eine neue Entwicklung, nach der Meister ohne
Abi­tur studieren dürfen, kann die Aufstiegsmöglichkeiten
ebenfalls erhöhen. Doch dazu gibt es selbstverständlich noch
keine Langzeitstudien, da der Gegenstand zu neu ist.
Schulkarrieren können sich später positiv entwickeln
Mit Schulumsteigern und der Durchlässigkeit des Bildungssys­
tems beschäftigt sich auch Gabriele Bellenberg, Professorin
für Schulforschung und Schulpädagogik an der Universität
Bochum. Schon 2004 beschrieb Bellenberg mit Kollegen in
einer Studie die Entkopplung von Schulformen und Schulab-
schlüssen unter Einbeziehung der beruflichen Schulen. Profes-
sorin Bellenberg schloss bereits damals: „Dies führt dazu, dass
relativ ungünstig verlaufende Schulkarrieren später positiv
fortgeschrieben werden können.“
Gerade Realschulen realisieren in einigen Bundesländern
den Bildungsanschluss nach oben erfolgreich, was in der Se-
kundarstufe II zu beobachten ist. In anderen Bundesländern
gehören die Gesamtschulen zu den guten Bildungsförderern.
Für Bellenberg spielt innerhalb der Debatte um Zwei- oder
Mehrgliedrigkeit des Schulsystems neben der Leistungsfä-
higkeit von Schülern auch die Bildungsaspiration eine Rolle.
Ruth Lemmer
, Freie Wirtschaftsjournalistin, Düsseldorf