personalquarterly 03 / 14
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Schwerpunkt
_demografie
Quelle: Eigene Darstellung, Dimensionen in Anlehnung an Keller, 2008, S. 250
Abb. 3:
Subdiskurse um den demografischen Wandel
Dimension
Herrschender Subdiskurs
Alternativer Subdiskurs
Problemdefinition Der demografische Wandel gefährdet die Finanzierung von so-
zialen Sicherungssystemen, verschärft den Fachkräftemangel,
verursacht die Überalterung der (Erwerbs-)Bevölkerung und
stellt die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit Deutsch-
lands infrage.
Demografischer Wandel hat wenig bzw. keine gegenwär-
tigen Auswirkungen und wird von der Politik als Vorwand für
Sozialabbau benutzt.
Die eigentlichen Probleme bestehen in der unbefriedigenden
Entwicklung der Erwerbstätigkeit, in einer ungerechten Vertei-
lung des erwirtschafteten Sozialprodukts sowie in dem Abbau
von Sozialleistungen.
Ursachen
Der demografische Wandel wird durch die sinkende Ge-
burtenrate einerseits und eine steigende Lebenserwartung
andererseits verursacht.
Ursächlich für die „eigentlichen Probleme“ und für die (daraus
folgenden) fehlenden Mittel in den Sozialkassen sind:
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falsche Arbeitsmarktpolitik: hohe Arbeitslosigkeit, geringe
Lohnzuwächse, eine zunehmende Spreizung der Einkom-
men, die Förderung (statt Begrenzung) sozialversicherungs-
freier Jobs;
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falsche Finanzierung der (richtigen) Entscheidung für die
deutsche Wiedervereinigung.
Verantwortung
Alle AkteurInnen: Die „demografische Herausforderung“ ist
gemeinsam zu meistern. Nicht nur Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft, sondern auch Beschäftigte selbst sollen mehr
Verantwortung (für die gesundheitliche Prävention, Eigenvor-
sorge fürs Alter, Erhalt der Produktivität) übernehmen.
Fokus auf der Rolle des Staates, weniger auf der von einzel-
nen Akteuren:
Politik: trägt Verantwortung für den Erhalt des Sozialstaats
und das Wachstum des Wohlstands;
Wirtschaft/Arbeitgeber: nutzen das demografische Argument
für Forderungen nach Deregulierung und Flexibilisierung des
Arbeitsmarkts und nach Abbau der sozialen Sicherungssys
teme aus.
Handlungsbedarf/
Problemlösung
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flächendeckende Sensibilisierung für das „demografische
Problem“;
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Verlängerung des Erwerbslebens (Anhebung des Rentenein-
trittsalters, Verkürzung von Ausbildungszeiten);
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Aktivierung unausgeschöpfter Potenziale einzelner Erwerbs-
bevölkerungskategorien (insbesondere von Älteren und
Frauen) in Kombination mit der gesteuerten Zuwanderung
von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland;
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alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung;
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Förderung von Bildung, Qualifizierung und lebenslangem
Lernen.
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Produktivitätsfortschritt;
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zunehmende Erwerbstätigkeit vor allem von Frauen und Äl-
teren (bezüglich der Frauen darf dabei Gleichstellungspolitik
nicht durch Familienpolitik ersetzt werden; bei den Älteren
sollte es um die Erhöhung des faktischen Renteneintrittsal-
ters auf 65 Jahre gehen), bessere Integration von Menschen
mit Migrationshintergrund;
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Berücksichtigung von Heterogenität innerhalb der einzelnen
MitarbeiterInnengruppen;
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Abbau der Arbeitslosigkeit;
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alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung;
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Förderung von Bildung, Qualifizierung und lebenslangem
Lernen.
Rolle des Personals Personal als strategische, knapp werdende Ressource, deren
„Nutzung“ optimiert werden muss; Optimierung bedeutet
dabei sowohl eine Aktivierung der in Deutschland vorhan-
denen Reserven und Sicherung ihres langen und produktiven
Einsatzes als auch Erschließung der Reserven außerhalb von
Landesgrenzen.
Beschäftigte als die von Wirtschaft und Politik neu aufgewer-
tete Ressource, die mit dem gestiegenen Leistungsdruck kon-
frontiert wird und, falls es keine Gegensteuerung geben wird,
die Last bzw. den Großteil der Kosten der demografischen
Entwicklung tragen wird und somit schutzbedürftig ist.
Dingkultur
Demografischer Wandel als Imperativ, der zu unverzüglichen
Handlungen zwingt.
Demografischer Wandel als Vorwand für (unpopuläre) sozi-
alpolitische Reformen und Legitimierungsgrund für soziale
Verschlechterungen.