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Wissenssoziologischen Diskursanalyse auf die unter anderem
massenmedial vermittelten Ergebnisse der wissenschaftlichen
und journalistischen Wissensproduktion sowie deren Aneig-
nung außerhalb der (bevölkerungs-)wissenschaftlichen Pra-
xis zurückzuführen. Die zahlreichen diskursiven Ereignisse
in der Zeit um die Jahrtausendwende und danach – wie die
Festlegung des Vollbeschäftigungszieles seitens der EU, die
Vergabe von Leitlinien für beschäftigungspolitische Maßnah-
men der EU-Mitgliedstaaten oder in Deutschland das Erschei-
nen der Berichte der Enquête-Kommission „Demografischer
Wandel“ des Bundestags (1994, 1998, 2002), der koordinierten
Bevölkerungsvorausrechnungen des Statistischen Bundesamts
(2000, 2003, 2006, 2009), die Rentenreformen (von 1992, 2001,
2004 und 2007) sowie verschiedene Projekte und Initiativen
der Bundesregierung zur Bewältigung des demografischen
Wandels – haben diese Aneignungsprozesse verstärkt und be-
schleunigt.
Zwei widerstreitende Subdiskurse im Personalfeld
Im Personalfeld können gegenwärtig (mindestens) zwei Sub-
diskurse unterschieden werden, die um Deutungen der demo-
grafischen Entwicklung sowie deren mögliche Folgen streiten.
Herrschender Subdiskurs:
Das als „herrschender Subdis-
kurs“ bezeichnete Ensemble von (Sprach-)Praktiken ist eng mit
dem gesellschaftspolitischen Demografie-Diskurs verschränkt
und auf die problematisierende Deutung des demografischen
Wandels gerichtet.
Alternativer Subdiskurs:
Ihm kann ein „alternativer Subdis-
kurs“ (bzw. ein Bündel von Subdiskursen) gegenübergestellt
werden, der auf eine Entmythisierung des demografischen
Wandels gerichtet ist. Die unter dem Sammelbegriff „alterna-
tiv“ zusammengefassten Diskurse (als Beispiele können hier
gewerkschaftliche sowie feministische Diskurse genannt wer-
den) verbindet ihr Interesse an einer kritischen Hinterfragung
des im herrschenden Subdiskurs entworfenen Bildes des „de-
mografischen Problems“ und dessen „Lösungen“.
Zu den Hauptsprechern des herrschenden Subdiskurses
gehören kollektive Akteure wie die Politik (Bundes- und Lan-
desregierungen, Ministerien), Wirtschaft (Unternehmen, Arbeit-
geberverbände, Beratungen) sowie überorganisationale Akteure
wie IHK usw. Sprecher des alternativen Subdiskurses gehören
eher der arbeitnehmernnahen Seite (Gewerkschaften und andere
Interessenvertretungen) an. Wissenschaftler treten als relevante
Akteure sowohl des herrschenden als auch des alternativen Sub-
diskurses auf.
Innerhalb der weiteren großen gesellschaftlichen Akteursag-
gregate wie Politik oder Wissenschaft werden ebenso verschie-
dene, auch konträre Positionen eingenommen.
In Abbildung 3 sind die unterschiedlichen (sub-)diskursspe-
zifischen Zuschreibungen rund um das Phänomen des demo-
grafischen Wandels zusammenfassend dargestellt.
Thema „Alterung“ steht im Vordergrund
Vergleicht man die Subdiskurse entlang der drei Stränge Al-
terung, Schrumpfung und Heterogenisierung, kann man von
einer eindeutigen Dominanz der Alterungsthematik in beiden
sprechen.
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Alterungsdiskurs:
Während auf der gesellschaftspolitischen
Ebene die Renten(finanzierungs)problematik im Zentrum
steht, rückt auf der organisationalen bzw. Unternehmens-
Ebene die Arbeit mit alternden Belegschaften sowie den
älteren Mitarbeitern in den Fokus. Die Letzteren werden da-
bei ambivalent gesehen. Sie sind sowohl das „Problem“ im
Sinne einer Zunahme ihres Anteils an der Gesamtzahl der
Beschäftigten als auch ein Teil seiner „Lösung“ im Sinne ei-
ner besseren Ausnutzung ihrer Potenziale und einer höheren
Erwerbsbeteiligung.
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Schrumpfungsdiskurs:
Im Zentrum des „Schrumpfungs-
strangs“ stehen im Personalfeld die Lösungen des sich in
Zukunft verschärfenden Fachkräftemangels. Die im herr-
schenden Subdiskurs „prophezeite“ Macht der Arbeitnehmer
auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft wird seitens des alterna-
tiven Subdiskurses skeptisch betrachtet, denn diese könne
zum einen nur das Segment von Hochqualifizierten betreffen,
und zum anderen seien die tatsächlichen Handlungsstrate-
gien von Unternehmen noch nicht bekannt.
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Heterogenisierungsdiskurs:
Bei der Betrachtung des „He-
terogenisierungsstrangs“ treten verschiedene „besondere“
Mitarbeitergruppen (Frauen, Ältere und Jüngere, Behinder-
te, Ausländer bzw. Personen mit Migrationshintergrund, vgl.
z. B. Schramm, 2004) in den Vordergrund.
Ältere Beschäftigte:
Die älteren Mitarbeiter werden zwar
in den beiden Subdiskursen zu einem bisher unverdient
vernachlässigten Potenzial erklärt, jedoch mit wesentlichen
Unterschieden. Im herrschenden Subdiskurs dominiert das
Bild von den „jungen Älteren“, die aktiviert werden sollen.
Der alternative Subdiskurs hebt nicht nur die Stärken und
Kompetenzen der Älteren sowie ihren aktuellen guten Bil-
dungs- und Gesundheitsstatus hervor, sondern unterstreicht
auch die Heterogenität innerhalb dieser Gruppe sowie die
stattfindende Klassenbildung der „jungen“ und der „alten
Älteren“, wobei „die nicht mehr aktivierungsfähigen“ noch
mehr benachteiligt werden.
Frauen:
Der Streit der beiden Subdiskurse setzt sich auch
in Bezug auf die Rolle und Möglichkeiten der Geschlech-
ter im demografischen Wandel fort. Das im herrschenden
Subdiskurs gezeichnete Bild von Frauen als Gewinnerinnen
des Wandels wird im alternativen Subdiskurs bezweifelt.
Darüber hinaus wird dort die Unzulässigkeit eines Ersatzes
der Gleichstellungspolitik durch die Familienpolitik betont
und auf die eher ausgeblendeten Frauenbilder, z.B. die der
älteren Frauen, eingegangen. In den beiden Subdiskursen
werden wiederum die Notwendigkeit und Wichtigkeit der