Seite 30 - PERSONALquarterly_2014_03

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personalquarterly 03 / 14
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Schwerpunkt
_demografie
Diskursentwicklung und -verbreitung
Eine lange Präsenz des Demografie-Diskurses im Personal-
feld lässt sich unter anderem anhand von Beispielen aus der
ältesten Personalfachzeitschrift – heute „PERSONALquarter-
ly“, damals „Mensch und Arbeit“ – illustrieren. Bereits in
den 1960er-Jahren wurde dort nicht nur das Erscheinungsbild
der Bevölkerungspyramide, die eher wie ein „Zwiebelturm“
(Goossens, 1961) oder eine „kopflastige, zerzauste‚ Wetter­
tanne“ (Goossens, 1968) aussah, thematisiert, sondern auch
die Bedeutung der demografischen Entwicklung für den Ar-
beitsmarkt und die betriebliche Personalpolitik diskutiert.
Auch das Thema (Über-)Alterung tauchte schon in der dama-
ligen Diskussion auf, wobei unterschiedliche Deutungen und
Facetten des Alter(n)s in den Vordergrund rückten: Zum einen
ging es um die (bis heute aktuelle) Sorge, deren Sinn durch
den Titel eines Kurzbeitrags von 1962 exakt wiedergegeben
wird: „Immer weniger junge Menschen müssen die alten mit-
ernähren“ (o. V., 1962). Zum anderen wurde für „Partnerschaft
statt Konkurrenz der Lebensalter im Betrieb“ plädiert und der
Eigenwert jeden Lebensalters betont (Lefringhausen, 1963).
Während in den 1960er-Jahren die bevölkerungsstatistischen
Daten überwiegend im Bereich der Arbeitsmarktanalyse und
-forschung sowie der Personalplanung berücksichtigt bzw. für
wichtig gehalten wurden, wurde die „demografische Frage“ im
Laufe der Zeit in eine Vielzahl von Themenbereichen von A wie
Arbeitsplatzgestaltung bis Z wie Zeit aufgefächert.
Einen genaueren Einblick in die Verbreitungstendenzen der
demografischen Thematik nach der Jahrtausendwende auf der
Unternehmensebene erlaubte die Auswertung von Geschäfts-
berichten der DAX-30-Unternehmen. Ziel deren Analyse war
es, herauszufinden, ob die demografische Entwicklung dort
thematisiert wird, und wenn ja, in welcher Hinsicht. Dabei
ergaben sich folgende Thematisierungsmöglichkeiten (vgl.
Abb.2):
a) Keine Thematisierung von Demografie.
b) „KundInnen-Demografie“: Es wird die Bedeutung von
Entwicklungstendenzen der Weltbevölkerung oder der Bevöl-
kerung Deutschlands betrachtet, und es werden erwartete Aus-
wirkungen auf den zukünftigen Geschäftserfolg (Erweiterung
der Absatzmärkte, neue Zielgruppen usw.) dargestellt.
c) „MitarbeiterInnen-Demografie“: Es werden die Auswir-
kungen des demografischen Wandels (Alterung und/oder
Schrumpfung und/oder Heterogenisierung) auf die Beleg-
schaftsstrukturen thematisiert und/oder die erforderlichen
(ggf. bereits getroffenen) Maßnahmen beschrieben.
Abbildung 2 veranschaulicht die Ergebnisse der Auswertung
und macht deutlich, dass innerhalb eines Jahrzehnts die Rele-
vanz der demografischen Thematik – insbesondere in Bezug
auf die „Mitarbeiter-Demografie“ – rasant zugenommen hat.
Dass auch der Anteil der „KundInnen-Demografie“ gestiegen
ist, kann ebenfalls als Indiz für die Diskursexpandierung bzw.
zunehmende Verbreitung des demografischenWissens im Feld
der Unternehmenspraxis (zumindest) der Großunternehmen
gedeutet werden.
Die Spuren des personalpolitischen Demografie-Diskurses
sind gegenwärtig nicht nur in Form von Begrifflichkeiten zu
finden (seien es „demografiefeste Unternehmen“, „demografie­
sensible Personalpolitik“ oder „Demografie-Döner“ als eine
alternative Bezeichnung für die Bevölkerungspyramide). Viel-
mehr haben sich weitere Praktiken etabliert – von Demogra-
fie-Tarifverträgen über spezielle Forschungseinrichtungen,
Demografie-Software und Demografie-Indizes sowie Netzwer-
ken bis hin zu Qualifizierungsprogrammen für Demografie-
Experten und Demografie-Awards. Diese Infrastruktur der
Diskurs(re)produktion wird ständig weiter ausgebaut.
Für den rasanten Anstieg der Demografie-Relevanz in Perso-
nalkontexten (und darüber hinaus) nach der Jahrtausendwende
werden abhängig vom Blickwinkel unterschiedliche Erklä-
rungen gegeben, angefangen damit, dass das demografische
Problem (plötzlich) angekommen bzw. bewusst geworden sei,
über Demografie als ein Mode-Thema bis hin zur „Demogra-
fisierung des Gesellschaftlichen“ (bzw. hier: des Personalpoli-
tischen), eine Bezeichnung, die von Barlösius (2007) für „die
demografische Umdeutung gesellschaftlicher Phänomene“ be-
nutzt wird (ebd., S. 12).
Eine derartige Demografisierung bzw. Verbreitung des de-
mografischen Wissens in der gesellschaftspolitischen Arena
sowie im Personalfeld ist (nicht nur) aus der Perspektive der
Abb. 2:
„Demografie“ in Geschäftsberichten der
DAX-30-Unternehmen
Quelle: Eigene Darstellung
0
25
50
75
100
2000
2005
83
17
2010
keine Thematisierung von Demografie
„KundInnen-Demografie“
0
60
23
20
17
37
57
„MitarbeiterInnen-Demografie“
Angaben in Prozent