Seite 29 - PERSONALquarterly_2014_03

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Abstract
Forschungsfrage:
Weshalb ist der demografische Wandel für das Personalmanagement
(jetzt) zum Thema geworden und welche Interessen verfolgen die beteiligten Akteure?
Methodik:
Wissenssoziologische Diskursanalyse auf Basis heterogener Dokumente (primäre
Datenquelle: Personalfachzeitschriften).
Praktische Implikationen:
Demografie ist kein neues Thema, sondern wird in Deutsch-
land mit unterschiedlicher Intensität seit ca. 100 Jahren diskutiert. Es besteht keine
Einigkeit sowohl hinsichtlich der Zahlen zur demografischen Entwicklung als auch in Bezug
auf die definierten Probleme. Kenntnis und kritische Bewertung der jeweiligen demogra-
fischen Subdiskurse sowie der dahinter stehenden Positionen und Interessen dienen einem
bewusste(re)n Umgang mit dem Thema Demografie (auch) in der Personalpraxis.
Personalwirtschaftliche Diskussion im Zeitverlauf
Im Personalfeld, welches sowohl die Personalforschung als auch
die Personalpraxis umfasst, hat das Thema Demografie ebenso
eine längere Tradition, auch wenn die Anzahl der erschienenen
Artikel, Bücher sowie Forschungsberichte zu den Auswirkungen
des demografischen Wandels auf die Arbeitswelt erst nach der
Jahrtausendwende sintflutartig zugenommen hat (siehe Abb. 1).
Der Großteil der Forschungsergebnisse und zahlreiche Ratge-
ber zum demografischen Wandel beinhalten Konzepte und Stra-
tegien zur Bewältigung der „demografiebedingten“ Probleme auf
der betrieblichen und gesamtgesellschaftlichen Ebene. Es fehlte
jedoch bisher an einer systematischen Analyse, die solchen Fra-
gen nachgeht wie: Weshalb ist der demografische Wandel für das
Personalfeld (jetzt) zum Thema geworden? Welche Akteure sind
mit welchen Argumenten beteiligt? Welche Wirkungen hat die
aktuelle breite Thematisierung des demografischenWandels für
unterschiedliche Akteure und für das gesamte Feld? In meiner
Untersuchung gehe ich genau diesen Fragen nach.
Theoretische und methodologische Grundlagen der Studie
Den theoretischen Hintergrund der Untersuchung bildet die
Wissenssoziologische Analyse (Keller, 2008). Sie untersucht
die Prozesse und Praktiken „der Produktion und Zirkulation
vonWissen auf der Ebene der institutionellen Felder (wie bspw.
Wissenschaften, Öffentlichkeit) der Gegenwartsgesellschaf-
ten“ (ebd., S. 192 f.). Diskurse begreift sie im Anschluss an
Foucault (1981) als Praktiken, ,,die systematisch die Gegen-
stände bilden, von denen sie sprechen“ (ebd., S. 74).
Keller (2008) betont, dass es sich dabei mehr als um eine
Text- oder Ideenanalyse handelt, denn die WDA interessiert
sich sowohl für die im Zeichengebrauch konstruierten Gegen-
stände als auch für den Konstruktionsprozess selbst (also für
die Bedeutungsproduktion, die damit verbundenen Handlungs­
praktiken, institutionellen Kontexte und gesellschaftlichen Fol-
gen), (vgl. ebd., S. 233).
Somit werden hier die Demografie und demografischer Wandel
als Diskurse bzw. (Sprach-) Praktiken betrachtet, die den Ge-
genstand, von dem sie sprechen, erst hervorbringen (Foucault
1981, S. 74). Die Problematisierungen der demografischen Ent-
wicklung im Personalfeld werden dabei als Ergebnisse von
Wissen-Macht-Regimen bzw. von konflikthaften Auseinander-
setzungen in und zwischen Diskursen verstanden.
Das Personalfeld selbst wird dabei aus einer (personal-)po-
litischen Perspektive (Krell, 1996) betrachtet, was zum einen
eine Erweiterung des Kreises der relevanten (Diskurs-)Akteure
(und auch der möglichen Adressaten der Untersuchung) bedeu-
tet – diese schließen nicht nur Arbeitgeber bzw. die Unterneh-
mensseite, sondern auch Organe der Interessenvertretungen
der Beschäftigten und weitere Akteure ein. Zum anderen ver-
weist die eingenommene personalpolitische Perspektive auf
das Vorhandensein von verschiedenen (womöglich gegensätz-
lichen) Interessen und von Machtasymmetrien.
Der breite Akteurskreis sowie eine boomende gegenwärtige
Ereignisproduktion im Diskursfeld (z. B. in Form von Publika-
tionen, Konferenzen und anderen Veranstaltungen zum Thema
Demografie) wurden auch beim Zusammenstellen des Daten-
materials für die Diskursrekonstruktion berücksichtigt, indem
ein heterogenes Datenkorpus gebildet wurde, welches Perso-
nalfachzeitschriften, Personallehrbücher, Nachschlagewerke
(z. B. die drei Auflagen des Handwörterbuchs des Personal-
wesens), Geschäftsberichte der DAX-30-Unternehmen und
weitere Dokumente umfasst. Als primäre Datenquelle dienten
dabei Personalfachzeitschriften („Arbeit“, „Arbeit und Arbeits-
recht“, „Arbeitgeber“, „Arbeitsrecht im Betrieb“, „Mitbestim-
mung“, „Personal“, „Personalführung“, „Personalwirtschaft“,
„WSI-Mitteilungen“, „Zeitschrift für Personalforschung“), die
von unterschiedlichen Akteuren (inklusive Arbeitgeberverbän-
den und Gewerkschaften oder diesen nahestehenden Organi-
sationen) stammen und sich an unterschiedliche Zielgruppen
richten (Praktiker und Wissenschaftler, Personalverantwort-
liche, Betriebsräte usw.).
Angesichts der „besonderen demografischen Kultur“ (Bry-
ant, 2011) fokussiert meine Analyse auf den personalpoli-
tischen Demografie-Diskurs in Deutschland. Ihr Schwerpunkt
liegt auf der Zeitperiode nach der Jahrtausendwende (2000-
2011), weil in diesem Zeitraum ein neuer Aufschwung der
Diskursentwicklung erfolgte. Für die Diskursrekonstruktion
war es jedoch wichtig, auch die Diskursentwicklung in einem
längeren Zeitraum – seit der Etablierung der Spezialdisziplin
„Personal“ im Jahre 1961 (Krell, 1999) – nachzuzeichnen.