Seite 9 - PERSONALquarterly_2014_02

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zu erfassen, bedarf es vielmehr eines systematischen Verfah­
rens. Ein solches Verfahren beschreiben wir beispielsweise im
Rahmen unseres Buches „Unsichtbare Netzwerke“.
PERSONALquarterly:
Welche Rolle spielen Online-Netzwerke gegen-
über den direkten persönlichen Netzwerken?
Ricken:
Durch die enorme Beachtung von Online-Netzwerken
sind die direkten persönlichen Verbindungen in den letzten
Jahren etwas in den Hintergrund gerückt. In unserem Be­
rufsalltag greifen wir aber gerade mehrheitlich auf persön­
liche Kontakte zurück. Zwar können in Online-Netzwerken
physische Distanzen überbrückt werden. Solche Kontakte
sind aber weniger „reichhaltig“ als die direkte „Face-to-Face“-
Kommunikation. Beispielsweise fehlen bei der Kommunika­
tion über Online-Netzwerke in der Regel wichtige Aspekte
wie Gestik, Mimik und Sprachrhythmus sowie die Möglich­
keit zum Ausdruck von Empathie. Dennoch sind Online-
Netzwerke für Entwicklungspfade relevant, beispielsweise,
indem sie als willkommene Informationsquelle für Headhun­
ter fungieren.
PERSONALquarterly:
Karriereportale, Karriereratgeber, Career
Center an Hochschulen, Arbeitsagenturen oder Unternehmens-
vertreter – sie alle raten dringend zum Aufbau von Netzwerken.
Warum hat das Networking dennoch etwas Anrüchiges?
Seidl:
Implizit stecken vermutlich zwei Vorwürfe hinter dieser
Wahrnehmung:
Zum einen der Vorwurf an den Netzwerker, dass er ein instru­
mentelles Menschenbild hat und rein eigennutzenorientiert
vorgeht. Ein solches Verhalten ist jedoch auf lange Sicht nicht
erfolgreich, da es durch andere Netzwerkteilnehmer wahrge­
nommen wird und diese dann gegebenenfalls nicht mehr bereit
sind, Ressourcen bereitzustellen.
Zum anderen der Vorwurf, dass Netzwerker nicht aufgrund
ihrer fachlichen Kompetenzen beruflich erfolgreich sind, son­
dern weil sie die richtigen Personen kennen.
PERSONALquarterly:
Es gibt viele Netzwerke. Bei welchen sollte ich
dabei sein? Welche sollte ich unbedingt aufsuchen? – Auch vor
dem Hintergrund knapper Ressourcen?
Seidl:
Es ist richtig, dass die Möglichkeiten sich zu vernetzen
heute nahezu unbegrenzt sind. Wer möchte, kann vermut­
lich jeden Abend an einem sogenannten „Networking-Event“
teilnehmen. Wie groß der Nutzen von so etwas ist, sei mal da­
hingestellt. Grundsätzlich sollte man sich vermutlich jeweils
folgende Fragen stellen: Teile ich mit den jeweiligen sozialen
Kontakten persönliche oder professionelle Interessen? Kann
ich etwas Wesentliches zu dem entsprechenden Netzwerk bei­
tragen?
Lassen sich beide Fragen mit Ja beantworten, sind grundsätz­
liche Voraussetzungen gegeben, damit man zu einem späteren
Zeitpunkt auch einmal einen persönlichen Nutzen aus diesem
Netzwerk ziehen kann.
PERSONALquarterly:
Muss ich bei jeder Freundschaft, die ich schlie-
ße, aufpassen, ob sie mir berufliche Vorteile bringen könnte?
Ricken:
Ein solches Vorgehen sollte man sicher nicht verfolgen.
Zum einen dienen Netzwerke nicht nur dem beruflichen Erfolg,
sondern erfüllen auch zahlreiche Funktionen im sozialen Be­
reich oder erlauben emotionale Unterstützung.
Zum anderen ist die Zukunft zu wenig vorhersehbar, als dass
man sich ein rein zweckoptimiertes Netzwerk „konstruieren“
sollte.
PERSONALquarterly:
Welches sind die praxisrelevanten Forschungs-
fragen zum Netzwerken, die uns in Zukunft beschäftigen sollten?
Seidl:
Wir sehen vor allem in drei Bereichen Forschungspotenzial.
Erstens: Soziale Netzwerke werden traditionell sehr stark unter
quantitativen Aspekten untersucht. Eine Beziehung zwischen
A und B sagt aber noch nichts über deren Qualität aus.
Zweitens: Der Besuch von Konferenzen, die Teilnahme an Mee­
tings und selbst die Kommunikation über E-Mail benötigen
Zeit, die sich auch für andere Aktivitäten verwenden ließe. Es
ist jedoch relativ schwierig, diese Kosten zu erfassen und in ein
Verhältnis zum Nutzen zu stellen.
Drittens: Ähnlich wie eine Fotografie ist die Beschreibung eines
Beziehungsnetzwerks immer eine Momentaufnahme. Interes­
sant ist allerdings zu untersuchen, wie sich soziale Netzwerke
im Zeitablauf verändern, was hierfür Ursachen sind und wel­
che Auswirkungen das auf die Beteiligten hat.
„Netzwerke außerhalb der direkten Kontakte werden
meist falsch eingeschätzt. Zu ihrer Erfassung bedarf
es eines systematischen Verfahrens.“
Prof. Dr. David Seidl