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zu erfassen, bedarf es vielmehr eines systematischen Verfah
rens. Ein solches Verfahren beschreiben wir beispielsweise im
Rahmen unseres Buches „Unsichtbare Netzwerke“.
PERSONALquarterly:
Welche Rolle spielen Online-Netzwerke gegen-
über den direkten persönlichen Netzwerken?
Ricken:
Durch die enorme Beachtung von Online-Netzwerken
sind die direkten persönlichen Verbindungen in den letzten
Jahren etwas in den Hintergrund gerückt. In unserem Be
rufsalltag greifen wir aber gerade mehrheitlich auf persön
liche Kontakte zurück. Zwar können in Online-Netzwerken
physische Distanzen überbrückt werden. Solche Kontakte
sind aber weniger „reichhaltig“ als die direkte „Face-to-Face“-
Kommunikation. Beispielsweise fehlen bei der Kommunika
tion über Online-Netzwerke in der Regel wichtige Aspekte
wie Gestik, Mimik und Sprachrhythmus sowie die Möglich
keit zum Ausdruck von Empathie. Dennoch sind Online-
Netzwerke für Entwicklungspfade relevant, beispielsweise,
indem sie als willkommene Informationsquelle für Headhun
ter fungieren.
PERSONALquarterly:
Karriereportale, Karriereratgeber, Career
Center an Hochschulen, Arbeitsagenturen oder Unternehmens-
vertreter – sie alle raten dringend zum Aufbau von Netzwerken.
Warum hat das Networking dennoch etwas Anrüchiges?
Seidl:
Implizit stecken vermutlich zwei Vorwürfe hinter dieser
Wahrnehmung:
Zum einen der Vorwurf an den Netzwerker, dass er ein instru
mentelles Menschenbild hat und rein eigennutzenorientiert
vorgeht. Ein solches Verhalten ist jedoch auf lange Sicht nicht
erfolgreich, da es durch andere Netzwerkteilnehmer wahrge
nommen wird und diese dann gegebenenfalls nicht mehr bereit
sind, Ressourcen bereitzustellen.
Zum anderen der Vorwurf, dass Netzwerker nicht aufgrund
ihrer fachlichen Kompetenzen beruflich erfolgreich sind, son
dern weil sie die richtigen Personen kennen.
PERSONALquarterly:
Es gibt viele Netzwerke. Bei welchen sollte ich
dabei sein? Welche sollte ich unbedingt aufsuchen? – Auch vor
dem Hintergrund knapper Ressourcen?
Seidl:
Es ist richtig, dass die Möglichkeiten sich zu vernetzen
heute nahezu unbegrenzt sind. Wer möchte, kann vermut
lich jeden Abend an einem sogenannten „Networking-Event“
teilnehmen. Wie groß der Nutzen von so etwas ist, sei mal da
hingestellt. Grundsätzlich sollte man sich vermutlich jeweils
folgende Fragen stellen: Teile ich mit den jeweiligen sozialen
Kontakten persönliche oder professionelle Interessen? Kann
ich etwas Wesentliches zu dem entsprechenden Netzwerk bei
tragen?
Lassen sich beide Fragen mit Ja beantworten, sind grundsätz
liche Voraussetzungen gegeben, damit man zu einem späteren
Zeitpunkt auch einmal einen persönlichen Nutzen aus diesem
Netzwerk ziehen kann.
PERSONALquarterly:
Muss ich bei jeder Freundschaft, die ich schlie-
ße, aufpassen, ob sie mir berufliche Vorteile bringen könnte?
Ricken:
Ein solches Vorgehen sollte man sicher nicht verfolgen.
Zum einen dienen Netzwerke nicht nur dem beruflichen Erfolg,
sondern erfüllen auch zahlreiche Funktionen im sozialen Be
reich oder erlauben emotionale Unterstützung.
Zum anderen ist die Zukunft zu wenig vorhersehbar, als dass
man sich ein rein zweckoptimiertes Netzwerk „konstruieren“
sollte.
PERSONALquarterly:
Welches sind die praxisrelevanten Forschungs-
fragen zum Netzwerken, die uns in Zukunft beschäftigen sollten?
Seidl:
Wir sehen vor allem in drei Bereichen Forschungspotenzial.
Erstens: Soziale Netzwerke werden traditionell sehr stark unter
quantitativen Aspekten untersucht. Eine Beziehung zwischen
A und B sagt aber noch nichts über deren Qualität aus.
Zweitens: Der Besuch von Konferenzen, die Teilnahme an Mee
tings und selbst die Kommunikation über E-Mail benötigen
Zeit, die sich auch für andere Aktivitäten verwenden ließe. Es
ist jedoch relativ schwierig, diese Kosten zu erfassen und in ein
Verhältnis zum Nutzen zu stellen.
Drittens: Ähnlich wie eine Fotografie ist die Beschreibung eines
Beziehungsnetzwerks immer eine Momentaufnahme. Interes
sant ist allerdings zu untersuchen, wie sich soziale Netzwerke
im Zeitablauf verändern, was hierfür Ursachen sind und wel
che Auswirkungen das auf die Beteiligten hat.
„Netzwerke außerhalb der direkten Kontakte werden
meist falsch eingeschätzt. Zu ihrer Erfassung bedarf
es eines systematischen Verfahrens.“
Prof. Dr. David Seidl