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Ihr Ergebnis: Hohe mentale Anforderungen senken das
Risiko, an Demenz zu erkranken. „Es geht jetzt darum, die
Kapazitätsgrenze und das Limit zu erforschen“, sagt die Nach-
wuchswissenschaftlerin.
Anspruchsvolle mentale Anforderungen auf der einen und
Stress durch Arbeitsverdichtung und lange Arbeitszeiten auf
der anderen Seite beeinflussen dieses Limit. Robuste Ergeb-
nisse können nur Langzeituntersuchungen bringen. Senioren
werden bis ins höchste Alter befragt und untersucht.
Then stößt dabei immer wieder auf das Thema Handlungs-
spielraum: „Selbstständige Planung ist wichtig. Denn Aufga-
ben, die ich selbst koordinieren muss, schulen die kognitiven
Fähigkeiten. Das Gehirn weist bessere Vernetzungen auf.“
Einfluss haben auch soziale Interaktionen am Arbeitsplatz.
„Komplexität im Umgang mit Menschen hält geistig fit“, sagt
Then. Hier gibt es noch Forschungsbedarf, um ein wirklich
präventives Umfeld gestalten zu können.
Die Leipziger Forschergruppe untersucht Symptome für De-
menz, aber auch für Depression. Noch regiert die Wahrschein-
lichkeit, sichere Ergebnisse wird es wohl erst in ein paar Jahren
geben. Damit befinden sich die Leipziger Sozialmediziner in
guter Gesellschaft. Marianna Virtanen und ihr Kollege Mika
Kivimäki beschreiben in dem Artikel „Saved by the bell: does
working too much increase the likelihood of depression?“ in
Expert-Reviews of Neurotherapeutics 2012, ihre Annahme,
dass nicht nur akuter Stress, sondern auch lang anhaltender
psychologischer Druck ursächlich mit der Entwicklung einer
Depression zusammenhängen.
Mitarbeiter müssen Zeitkompetenz einfordern
Während Gesundheitswissenschaftler in Langfriststudien
nach präzisen Abhängigkeiten zwischen Arbeitsdauer und
Leistungsfähigkeit, Arbeitsdruck und Produktivität, Depres-
sion und Demenz forschen, suchen Arbeitspsychologen und
Wirtschaftswissenschaftler in Unternehmen schon nach Lö-
V. l. n. r.: Dr. Marianna Virtanen (FIOH Helsinki), Francisca S. Then (Uni Leipzig), Prof. Dr. Ulrike Hellert (FOM Nürnberg)
sungen für ein leistungsförderndes und gleichzeitig gesünde-
res Arbeitsumfeld.
Professorin Ulrike Hellert beschäftigt sich seit 20 Jahren mit
Phänomenen rund um die Arbeitszeit. Sie lehrt an der Hoch-
schule für Ökonomie & Management (FOM) in Nürnberg und
leitet am Institut für Arbeit & Personal der privaten Hochschule
das Zeitbüro FOM.
„Es ist statistisch gesehen schon normal, dass Vollzeitmitar-
beiter jede Woche drei bis vier Stunden über die vertragliche
Zeit hinaus arbeiten und im Durchschnitt drei Urlaubstage pro
Jahr verfallen“, fasst Hellert die Ergebnisse unterschiedlicher
Studien zusammen.
Sie sieht drei Ebenen, die geeignet sind, die Arbeitszeit zu
verkürzen, die kognitive Beanspruchung zu senken und damit
geistige Ressourcen im Job zu sichern: Personalplanung, Ar-
beitsorganisation und Verhalten.
„Es hat Kostengründe, wenn eine Reserveplanung unterbleibt
und Überstunden eingeplant werden“, meint die Professorin.
Aber Urlaubswochen, einen durchschnittlichen Krankenstand
von 4 % und Weiterbildungstage wird es immer geben.
Bei der Arbeitsorganisation liegt das Manko zumeist in der
fehlenden Struktur. Kommunikationswege sind nicht festge-
legt, es gibt keine Regeln für das Nutzen von Netzwerken. „Die
soziale Kompetenz spielt hier eine erhebliche Rolle“, sagt Ar-
beitspsychologin Hellert.
Während diese beiden Ebenen vom Unternehmen her verän-
dert werden müssen, verweist sie auf einen Aspekt, der bei den
Beschäftigten liegt: das individuelle Verhalten. „Erwerbstätige
sollten ihre eigenen Leitplanken erkennen und sich für ihre
Leistungen einen Ausgleich schaffen.“
Arbeitsmenge und -dauer, ein Wechsel zwischen kognitiver
und auditiver Beanspruchung, Handlungsspielräume und
die Kompetenz Pausen zu machen – dies alles schafft Bedin-
gungen, die Ermüdung und Fehlerquote senken. Ihr Fazit: „Mit-
arbeiter müssen Zeitkompetenz einfordern.“