PERSONALquarterly 02 / 14
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NEUE FORSCHUNG
_NEUROLEADERSHIP
oder negative emotionale Schemata ermöglichen. Bei einem
ängstlichen, anklammernden oder abweisenden Bindungs-
stil wird die psychische Aktivität dabei nicht mehr auf die Be-
friedigung des Bindungsbedürfnisses ausgerichtet, sondern
auf den Schutz vor weiteren Verletzungen. Die daraus ent-
stehende Vermeidung von Beziehungssituationen verhindert
die Entwicklung sich annähernder motivationaler Schemata,
welche befriedigende Beziehungen herstellen können und
verstärkt sich damit selbst.
3
Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle:
Menschen
möchten mit ihrem Verhalten ihre Umwelt so beeinflussen,
dass sie ihre Ziele erreichen. Gelingt dies, wird das Kontroll-
bedürfnis befriedigt, gelingt es nicht, entsteht Inkongruenz,
also eine Diskrepanz zwischen motivationalen Zielen und
den Wahrnehmungen aus der Umwelt. Kontrollausübung be-
zieht sich nicht nur auf die jeweils aktuelle Situation, sondern
auch auf die Schaffung eines möglichst großen zukünftigen
Handlungsspielraums. Das Individuum ist – meist unbewusst
– ständig damit beschäftigt, Kongruenz zwischen Zielen und
Wahrnehmungen herzustellen, also Kontrolle auszuüben. Da
eine völlige Kongruenz aller Ziele aber äußerst selten vor-
kommt, ist das Kontrollbedürfnis ständig mehr oder weni-
ger stark aktiviert. Hohe Kontrollerwartungen erfüllen eine
Schutzfunktion und sind damit wichtiger Bestandteil der psy-
chischen Gesundheit. Sie gehen einher mit höherem Selbst-
vertrauen, Stressresistenz und Leistungsfähigkeit. Solange
Inkongruenz kontrollierbar und zeitlich begrenzt bleibt, ist
sie positiv zu werten: Sie ist gewissermaßen der Motor der
psychischen Entwicklung.
3
Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwert-
schutz:
Menschen haben grundsätzlich ein Bedürfnis nach
einem positiven Selbstwertgefühl. Grawe betont, dass Men-
schen unabhängig von ihrem Selbstkonzept nach Selbst-
werterhöhung streben. Aufgrund verletzender Erfahrungen
jedoch können Handlungen, Leistung zu zeigen und Stolz zu
erleben, in den Hintergrund treten und Vermeidungsziele
(etwa keinen weiteren Demütigungen ausgesetzt zu sein) in
den Vordergrund gelangen. Entscheidend für die Entwick-
lung des Selbstwerts sind vor allem die frühen Bindungs- und
Kontrollerfahrungen eines Menschen. Sind diese negativ, ist
auch das Selbstbild eher negativ: Die motivationalen Sche-
mata sind vor allem auf Vermeidung ausgerichtet, sodass
keine oder nur wenige Erfahrungen gemacht werden können,
die den Selbstwert erhöhen könnten.
3
Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung:
Das
Bedürfnis nach Lustgewinn oder die Vermeidung von Unlust
beeinflusst uns ständig: Auf einen Reiz erfolgt sofort eine
automatische Bewertung in puncto „gut“ oder „schlecht“,
woraufhin wir als Menschen danach streben, Gutes oder An-
genehmes zu erleben und Schlechtes oder Unangenehmes
zu vermeiden. Dieser Vorgang kann nicht bewusst gesteuert
oder kontrolliert werden. Er basiert nicht auf objektiven Kri-
terien, sondern auf Lernerfahrungen und der momentanen
Situation der Person.
Diese Grundbedürfnisse sind bei allen Menschen vorhanden
und eine dauerhafte Verletzung bzw. Nichtbefriedigung führt
zur Schädigung des psychischen Wohlbefindens und der Ge-
sundheit. Der „Motor“ zur Befriedigung dieser Grundbedürf-
nisse findet sich in den sog. „motivationalen Schemata“.
Ebene 3 – die motivationalen Schemata (Annäherung
bzw. Vermeidung):
Der Begriff „Schema“ verweist auf den
Erwerb von „neuronalen Mustern“ – basierend auf Gedanken,
Gefühlen, Erinnerungen und Wahrnehmungen. Schemata ent-
stehen schon auf Basis frühkindlicher Lernprozesse, stellen
quasi den Kristallisationspunkt für spätere Lernprozesse dar
und schränken somit die Auswahl späterer Reaktionen ein.
Motivationale Schemata dienen dazu, die o. g. Grundbedürf-
nisse zu befriedigen. Hierbei lassen sich Annäherungs- oder
Vermeidungs-Schemata unterscheiden. Dabei gilt, dass sich
die Erreichung von Annäherungszielen leichter kontrollie-
ren lässt als die von Vermeidungszielen: Annäherungsziele
können in Teilziele untergliedert und mit intrinsischer Moti-
vation verfolgt werden. Vermeidungsziele erfordern dagegen
dauernde Kontrolle, eine verteilte statt fokussierte Aufmerk-
samkeit. Sie können nie mit Sicherheit erreicht werden, da
immer ein potenzielles Problem auftauchen kann, und werden
nicht von positiven, sondern negativen Emotionen begleitet.
Schemata lassen sich zudem nicht direkt beobachten, sondern
nur indirekt über Verhaltensweisen und zugehörige Gefühle
erschließen.
Ebene 4 – die Verhaltensebene:
Aus den in den Ebenen 1
bis 3 durchlebten bewussten und unbewussten Prozessen re-
sultiert das konkrete Erleben und Verhalten des Individuums.
Empirische Überprüfung des Konzepts „Neuroleadership“
Aus diesen grundlegenden Betrachtungen leiten sich die Fra-
gestellungen hinsichtlich der empirischen Überprüfung des
Konzepts „Neuroleadership“ ab. Im Zuge dessen wurden zwei
Forschungsfragen entwickelt
1
:
1. In welchem Umfang gelingt es, mittels Führungskonzepten
aus dem Bereich Neuroleadership berufsbezogene Leistung
und Gesundheit vorherzusagen (SCARF-Modell von Rock bzw.
Konsistenztheorie von Grawe)?
2. Welcher der beiden Theorieansätze eignet sich besser, be-
rufsbezogene Leistung und Gesundheit vorherzusagen?
Methodik der aktuellen Forschungsarbeit
Ziel dieser Forschungsarbeit ist ein praktischer Erkenntnis
gewinn, der Führungskräfte in der Verbesserung ihres
Führungsverhaltens unterstützen soll. Konsequenterweise
1 Weitere Informationen finden sich unter: