02 / 13 personalquarterly
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Abstract
Forschungsfrage:
Wie stark ist der Fachkräftemangel im Bereich stationärer Altenpflege
ausgeprägt und welche Maßnahmen werden dagegen unternommen?
Methodik:
Die vorliegende Studie beruht auf problemzentrierten Experteninterviews mit
den Entscheidungsträgern in sieben stationären Heimen in Sachsen.
Praktische Implikationen:
Es werden konkrete Maßnahmen diskutiert, wie Altenpfle
geeinrichtungen die vermeintliche oder die tatsächliche Abhängigkeit in Bezug auf die
Fachkräfteressourcen reduzieren können.
Wie akut der Fachkräftemangel in den Pflegeinstitutionen
bereits heute ist und wie dort damit umgegangen wird, bleibt
jedoch oftmals unterbeleuchtet. Das werden wir in den näch-
sten Schritten vornehmen, indem wir zunächst die Arbeits-
bedingungen des Berufs der Altenpfleger betrachten und
anschließend die Annahmen der Ressourcenabhängigkeits-
theorie hinsichtlich der Auswirkungen des Fachkräftemangels
für Unternehmen ausarbeiten, um diese in der empirischen
explorativen Studie zu überprüfen.
Das Berufsbild der Altenpfleger
Pflegeinstitutionen lassen sich in ambulante und stationäre un-
terscheiden. In dieser Studie handelt es sich lediglich um sta-
tionäre Pflegeeinrichtungen und ihre Pflegemitarbeiter. Jenes
Pflegepersonal, das für die Pflege in den stationären Einrich-
tungen zuständig ist, bilden Pflegefachkräfte und Pflegehilfs-
kräfte. Beide Berufsgruppen unterscheiden sich hinsichtlich
ihrer Ausbildungsvoraussetzungen und ihrer Tätigkeitsgebiete
in den Pflegeeinrichtungen, was in der Regel deutliche Vergü-
tungsunterschiede zur Folge hat.
Pflegefachkräfte müssen dem Altenpflegegesetz zufolge ei-
ne dreijährige Ausbildung mit einer abschließenden staatlich
anerkannten Prüfung absolvieren. Ihre Aufgabe in den Pflege
institutionen umfasst die Gesundheitsförderung und Krank-
heitsverhütung der Bewohner sowie Linderung ihrer Leiden.
Die Pflegehilfskräfte können hingegen eine einjährige Aus-
bildung zum Altenpflegehelfer absolvieren, müssen es aber
nicht, weil sie auch ohne diese Ausbildung in den Pflegeein-
richtungen arbeiten dürfen. Ihre Aufgabe besteht darin, bei
der Pflege und der Betreuung von Pflegebedürftigen unter
Anleitung von ausgebildeten Pflegefachkräften mitzuwirken
(Müller, 2008:169).
Dem Heimgesetz zufolge müssen die stationären Pflege-
einrichtungen einen Fachkräfteanteil von mindestens 50 %
aufweisen (§ 5 Abs. 1 HeimPersV). Der in jedem Bundesland
separat festgelegte Personalschlüssel regelt zudem das Ver-
hältnis zwischen den Pflegefachkräften und Pflegehilfskräften
entsprechend der Pflegestufe der Bewohner in den Heimen und
sieht in manchen Fällen einen höheren Anteil der Pflegefach-
kräfte vor als 0,5 (§ 75 Abs. 1 SGB XI).
Laut der Pflegestatistik von 2009 sind 47 % aller Pflegekräfte
auch Fachkräfte, obwohl die Zahl der Pflegehilfskräfte im Ver-
gleich zu 2007 um 27,2 % gestiegen ist (Pflegestatistik, 2009:
16). Im Jahr 2009 stieg auch die Gesamtzahl der Arbeitneh-
mer im Pflegebereich um 8,3 %. Dieser Anstieg geht jedoch
zum größten Teil auf die zunehmende Teilzeitbeschäftigung
zurück: Während der Anteil an Vollzeitstellen im Vergleich zu
2007 um 2,2 % wuchs, erhöhte sich die Zahl der teilzeit- und
geringfügig Beschäftigten um 15,1 % und betrug knapp 60 %
aller Angestellten. Dabei ist bekannt, dass knapp 43 % der
in den ostdeutschen Heimen Beschäftigten notgedrungen in
Teilzeit arbeiten, da keine Vollzeitbeschäftigung möglich ist
(Aftenakis/Maier, 2010:995). Die Mehrzahl des in den statio-
nären Pflegeeinrichtungen beschäftigten Personals (85 %) ist
weiblich (Pflegestatistik, 2009:15).
Pflegekräfte bilden eine stark beanspruchte Berufsgruppe.
Wesentliche Faktoren, die zur Arbeitsbelastung beitragen, sind
Schichtdienst, Wochenend- und Nachtarbeit sowie Überstun-
den (vgl. Afentakis, 2009:1). Besonders durch schweres Heben
werden körperliche Belastungen hervorgerufen. Zu den psy-
chischen Belastungen tragen vor allem die unregelmäßigen
Arbeitszeiten, lange Arbeitszyklen sowie fehlende Pausen
und der Umgang mit oft schwierigen Bewohnern und deren
Angehörigen bei. Auch die Konfrontation mit Tod, Leid und
Krankheit können belastend sein. Fast jeder vierte Altenpfleger
empfindet die zu leistende Arbeitsmenge als überfordernd und
mehr als 40 % sagen aus, unter hohem Zeitdruck zu arbeiten
(BGW-DAK Gesundheitsreport, 2003). Es überrascht daher
kaum, dass fast jeder fünfte Arbeitnehmer im Bereich Alten-
pflege darüber nachdenkt, seinen Beruf aufzugeben (Hassel-
horn/Müller/Tackenberg, 2005).
Theoretischer Rahmen: Ressourcenabhängigkeitstheorie
Die Theorie der Ressourcenabhängigkeit geht davon aus, dass
das Verhalten der Organisationen nur verstanden werden
kann, wenn ihre Beziehungen zur Umwelt bekannt sind (Pfef-
fer/Salancik, 2003:5). Da die Umwelt wichtige, manchmal auch
„kritische“ Ressourcen für Unternehmen bereitstellt, seien es
finanzielle, natürliche oder personelle Ressourcen, hängt von
ihr die Existenz und der Erfolg des Unternehmens ab. Akteure