Seite 40 - PERSONALquarterly_2013_02

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Neue Forschung
_Fachkräftemangel
N
ahezu gebetsmühlenartig wird der Fachkräfteman-
gel in der deutschen Wirtschaft beteuert. Einer der
Bereiche, der besonders stark von dem Fachkräf-
temangel inMitleidenschaft gezogen zu sein scheint,
ist der Pflegebereich. Nicht ohne Grund werden hier breitflä-
chige politische und wirtschaftliche Maßnahmen beschlossen.
So erklärte das Bundesministerium für Gesundheit das Jahr
2011 zum Jahr der Pflege, es sollte eine Pflegereform auch mit
Maßnahmen gegen den Personalmangel verabschiedet wer-
den (Gaier, 2011). Die entlassenen Schlecker-Mitarbeiterinnen
sollen ebenfalls zu Altenpflegerinnen umgeschult werden, um
dem Fachkräftemangel Abhilfe zu verschaffen. Doch wie ist
die gegenwärtige Personalsituation in den Altenpflegeeinrich-
tungen? Oder wie erleben Vertreter der Pflegeinstitutionen
den Fachkräftemangel? Nach wie vor mangelt es an den empi-
rischen Studien, die sich dieser Fragen annehmen.
Mithilfe einer explorativen empirischen Untersuchung in
sieben Altenpflegeheimen in Sachsen befassen wir uns vor
dem Hintergrund der Ressourcenabhängigkeitstheorie mit
der Frage, welche Bedeutung der Ressource Personal seitens
der Heimleitung zugeschrieben wird und wie akut der Fach-
kräftemangel empfunden wird. Zudem wollen wir beleuchten,
welche Maßnahmen in Bezug auf die Ressource Personal in den
Altenpflegeheimen ergriffen werden.
Erwartete Entwicklungen in der Altenpflege
Die aktuelle Personalsituation in der Altenpflege scheint be-
sorgniserregend zu sein. Die Arbeitgebervertreter der Branche
scheuen nicht vor aufgeladenenMetaphern zurück, um den Zu-
stand zu beschreiben, der eintreten wird, sofern keine Maßnah-
men dagegen ergriffen werden. So bezeichnet Thomas Greiner,
der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Pflege, den zukünf-
tigen Zustand als „Pflegenotstand“ und den Arbeitsmarkt als
„leer gefegt“, sowohl für Fachkräfte als auch für Hilfskräfte in
der Altenpflege (Gaier, 2011).
Laut Bernd Meuer, dem Präsidenten des Bundesverbands
privater Anbieter e.V., herrscht bereits ein flächendeckender
Pflegekräftemangel, sodass der Verband, der etwa 200.000
Beschäftigte zählt, sofort 10.000 Pflegemitarbeiter einstellen
könne (Hommel, 2010).
Von wegen „Fachkräftemangel“:
Beobachtungen in der stationären Altenpflege
Von
Dr. Irma Rybnikova
(Technische Universität Chemnitz) und
Juliane Fröbe
Einen zukünftigen Personalmangel suggerieren aber auch
die zahlreichen Prognosen und statistisch basierte Zukunfts-
szenarien zum Pflegebedarf in Deutschland. Alle Berech-
nungen stimmen darin überein, dass die Zahl der potenziell
Pflegebedürftigen, worunter die 60-Jährigen und die älteren
Personen gezählt werden, in den nächsten 20 Jahren steigen
wird. Da die Zahl der Pflegekräfte nicht entsprechend wächst,
wird der Fachkräftemangel in der Pflege als unvermeidlich
angenommen.
Ab wann akuter Pflegekräftemangel zu erwarten ist, darüber
sind sich die Prognostiker jedoch nicht einig. So kommt es
nach dem Szenario der „sinkenden Pflegequoten“ ab dem Jahr
2021 zu einem Personalmangel in der Pflege, während dem
Status-Quo-Szenario zufolge etwa ab 2018 ein Personalmangel
eintreten soll (Afentakis/Maier, 2010). Buestrich und Kolle-
gen gingen in ihren Prognosen bereits für das Jahr 2010 von
einem Mehrbedarf an Pflegekräften in einer Höhe von 80.000
Mitarbeitern aus, im Jahr 2040 erwarten die Autoren einen zu-
sätzlichen Bedarf von 170.000 Pflegekräften (Buestrich/Finke-
Oltmann/Wohlfahrt, 2008).
Den Berechnungen des statistischen Bundesamts zufolge
existiert bereits seit 2005 ein Fachkräftebedarf, jedoch nicht
in quantitativer, sondern in qualitativer Hinsicht, weil statt
ausgebildetem Pflegepersonal fachfremde oder ungelernte
Pflegekräfte eingesetzt werden (Aftenakis/Maier, 2010).
2009 zählte man 2,34 Mio. Pflegebedürftige in Deutschland
(Pflegestatistik, 2009:5), dabei zeichnete sich z. B. Sachsen da-
durch aus, dass es hier relativ viele Pflegebedürftige im hohen
Alter gab: Rund 38 % aller Pflegebedürftigen in Sachsen waren
85 Jahre oder älter (ebd.). Während 69 % dieser pflegebedürf-
tigen Personen zu Hause versorgt wurden, lebten 31 %, 717.000
Menschen, in vollstationären Altenpflegeeinrichtungen (Pfle-
gestatistik, 2009:11). Im Jahr 2009 wurden in Deutschland
insgesamt 11.600 voll- und teilstationäre Pflegeheime gezählt.
Die Mehrzahl der Pflegeheime befand sich in gemeinnütziger
Trägerschaft, 40 % betrug der Anteil an privaten Pflegeheimen
und 5 % der Pflegeheime befanden sich in der öffentlichen
Hand (Pflegestatistik, 2009:15). Im Jahr 2009 wurden in den
Pflegeheimen 621.000 Mitarbeiter beschäftigt (Pflegestatistik,
2009:15).