Seite 34 - PERSONALquarterly_2013_02

Basic HTML-Version

personalquarterly 02/ 13
34
Neue Forschung
_zuwanderung
D
er weltweite Wirtschaftsmotor stottert, doch der deut-
sche Arbeitskräftemarkt reagiert relativ gelassen.
Der Fachkräftemangel ist weiter in aller Munde. Die
Aktivierung der Arbeitskräftereserven, die sowohl
bei Frauen als auch bei älteren und jungen Menschen noch
vorhanden sind, wird genauso wenig wie die Verlängerung der
Lebensarbeitszeit ausreichen, um den zukünftigen Bedarf der
deutschen Unternehmen an kompetentenMitarbeitern abzude-
cken. Konsequenz: Deutschland ist auf die Zuwanderung qua-
lifizierter Arbeitskräfte angewiesen (Alt/Weise/Becker, 2011,
Fuchs/Söhnlein/Weber, 2011).
Die Wanderungsrealität blieb aber lange hinter den Erwar-
tungen zurück. Bis 2007 konnte wenigstens noch ein Wan-
derungsüberschuss registriert werden. Alarmierend war
da allerdings schon die Tatsache, dass mehr Deutsche – oft
Fachkräfte – die Heimat verließen als aus dem Ausland zu-
rückkamen. Die Situation verschärfte sich 2008/09. Die Zahl
der Auswanderer überstieg die der Einwanderer. 2010 brach-
te eine Trendwende. Der Wanderungssaldo fiel mit +128.000
Menschen deutlich positiv aus. 2011 brachte eine weitere Stei-
gerung: +279.000 (Statistisches Bundesamt, 2012). Die Bun-
desrepublik hat davon profitiert, dass sie in der EU den Status
des „leicht verschnupften“ wirtschaftlichen Schwergewichts
unter zahlreichen „schwer kranken“ Nationen eingenommen
hat. Ob dies so bleibt, ist fraglich.
Chance und Herausforderung zugleich
Gerade junge Spanier und Griechen haben sich viel häufiger
als zuvor auf den Weg gemacht, um an Rhein und Ruhr beruf-
lich Fuß zu fassen. 23.779 Griechen (90 % mehr als im Vorjahr)
zog es 2011 zu uns. 20.672 (+ 52 %) Spanier wanderten im
gleichen Zeitraum zu. Fehlende Perspektiven haben gerade
spanische Hochschulabsolventen motiviert, ihre Koffer zu pa-
cken und den deutschen Lockrufen zu folgen. Auch Italiener
(30.152, +23 %) haben sich häufiger nördlich der Alpen an-
gesiedelt. Die Länder, aus denen absolut die meisten Zuwan-
derer stammten, liegen östlich von Deutschland: Viele Polen
(163.412, +42 %), Rumänen (94.706, +28 %), Bulgaren (51.319,
+31 %) und Ungarn (41.134, +41 %) haben ihren Wohnsitz in
die Bundesrepublik verlegt (Statistisches Bundesamt, 2012).
Zuwanderung: Neue Herausforderungen
für das Personalmarketing
Von
Prof. Dr. Markus-Oliver Schwaab
und
Prof. Dr. Wolfgang Schäfer
(Hochschule Pforzheim)
Es liegt an den deutschen Unternehmen, die krisenbedingte
Wanderung zu nutzen, um den Fachkräftemangel abzumil-
dern. Klar muss aber sein, dass dieser Sondereffekt nicht
ausreichen wird, um auf längere Sicht den Bedarf an qualifi-
zierten Mitarbeitern abzudecken. Die durch die Krise angesto-
ßenen Zuzüge sind weder ein Garant dafür, dass diese neuen
Arbeitskräfte in Deutschland bleiben werden, noch dafür,
dass auch mittel- bis langfristig der angestrebte Wanderungs-
überschuss erreicht werden kann. Daher sind Anstrengungen
erforderlich, um diejenigen durch Integrationsmaßnahmen
zum dauerhaften Bleiben zu bewegen, die jetzt den Weg nach
Deutschland gefunden haben und weiter finden.
Bereitschaft, in Deutschland zu arbeiten, hat zugenommen
Die skizzierte Zunahme der Zuwanderung überrascht nicht,
betrachtet man die Ergebnisse der europaweiten Onlinebefra-
gung unter Studierenden, die das Human Resources Compe-
tence Center der Hochschule Pforzheim seit 2009 durchführt
und an der bislang 4.945 Personen teilgenommen haben. Die
Bereitschaft, für einen längeren Zeitraum in Deutschland be-
ruflich tätig zu sein, ist unter den Studierenden in Süd- und
Osteuropa am größten (siehe Abb. 1).
Auffällig ist, dass die Bereitschaft der europäischen Studie-
renden, für längere Zeit in Deutschland zu arbeiten, im Verlauf
der letzten Jahre zugenommen hat (2009/10: 4,13, 2012: 4,43).
Die angehenden Ingenieure (4,54), die von 2009 bis 2012
befragt wurden, waren an einer längeren Berufstätigkeit in
Deutschland stärker interessiert als die Wirtschaftswissen-
schaftler (4,32). Die Bereitschaft der Naturwissenschaftler (4,15)
und Geisteswissenschaftler (4,16) war etwas geringer.
Die Befragten mit Deutschkenntnissen waren insgesamt
deutlich eher bereit (4,39), in Deutschland einer Beschäftigung
nachzugehen, als diejenigen, die die deutsche Sprache nicht be-
herrschten (4,04). Bei der genaueren Analyse ist aufgefallen,
dass gerade bei den jungen Spaniern (5,68/4,86), Griechen
(5,28/4,33) und Franzosen (4,74/3,36) diejenigen über eine
viel größere Bereitschaft verfügten, länger in Deutschland zu
arbeiten, die Deutsch sprachen. Überraschend war folgendes
Ergebnis: Für die Österreicher (3,94) und Luxemburger (3,50)
sowie die Deutsch sprechenden Schweizer (3,31) und Nieder-