Seite 58 - Immobilienwirtschaft_2014_06

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TECHNOLOGIE, IT & ENERGIE
I
TITELTHEMA
Stolperstein: Im Frühling gestand die Firma kleinlaut ein, dass
der Alarm dadurch auch ungewollt gestoppt werden könne, und
stellte den Vertrieb des Rauchmelders vorerst ein. Entsprechend
selbstbewusst bis schadenfroh äußern sich Vertreter der Rauch-
melder-Branche. Von einem„dramatischen Rufschaden“ für Nest
Labs spricht beispielsweise Christian Rahbari, Marketingleiter
der Pyrexx GmbH in Berlin. Die Blamage kam nach seinenWor-
ten für Experten keineswegs überraschend: „Eine fach- und sach-
kundige Betrachtung der Elektronik des Nest-Rauchwarnmelders
zeigt, dass das Gerät mit der sprichwörtlichen heißen Nadel ent-
wickelt wurde.“ In Bezug auf den Stand der Technik braucht sich
Pyrexx laut Rahbari vor dem US-Konkurrenten keinesfalls zu
verstecken: Mit dem Produkt PX-1C verfüge das Berliner Un-
ternehmen über einen vernetzten Rauchmelder, dessen Funkti-
onsumfang den des Nest-Produkts deutlich übertreffe, sagt der
Marketingleiter. Ein weiteres Hindernis für den Erfolg des Nest
Protect sieht Rahbari im hohen Preis: Wenn das Produkt denn
überhaupt lieferbar wäre, würde es pro Stück gut 125 Euro kosten.
Zum Vergleich: Ein qualitativ hochwertiges Gerät ist bereits für
30 bis 40 Euro zu haben.
Zudem sind nach Ansicht von Experten die Unterschiede
zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Markt zu
beachten. „Im Segment Rauchmelder müssen die Geräte in
Deutschland mindestens einmal im Jahr gewartet werden“, gibt
Friedemann Kuppler, Pressesprecher der Kalo-Gruppe, zu be-
denken. „Deshalb werden sie inMehrfamilienhäusern in der Re-
gel zusammen mit einem Wartungsvertrag verkauft.“ Verwalter
und Vermieter achteten auf eine „professionelle Montage und
Wartung der Geräte“, beobachtet auch die Geschäftsleitung der
Brunata-Metrona-Gruppe (Oliver Geer, Brunata Hürth; Klaus
Facklam, Brunata Hamburg; Petra Schmucker, Brunata Mün-
chen). Aus ihrer Sicht sind deshalb keine Gegenmaßnahmen ge-
gen Nest Labs erforderlich, „da unsere Kunden jahrzehntelange
gute Erfahrungen mit uns gemacht haben“.
Bei alledem dürfe man nicht übersehen, „dass die scheinbar
einfachsten Produkteigenschaften oft die wichtigsten sind“, betont
Philip Kennedy, Sales &Marketing Director der auf Rauchmelder
spezialisierten Ei Electronics GmbH. Wichtig sei insbesondere
eine zuverlässige Stromversorgung. „Durch zusätzliche Funkti-
onen wie zum Beispiel Helligkeits- und Bewegungsmelder oder
durch Software-Updates würde der Stromverbrauch unkontrol-
liert ansteigen“, gibt Kennedy zu bedenken.
RWE VERTREIBT NEST-THERMOSTAT
Und wie sieht es beim zweiten
Produkt aus, das Nest Labs entwickelt hat, nämlich dem intelli-
genten Thermostat? Dieser ist in der Lage zu erkennen, ob und
wie vieleMenschen sich in derWohnung aufhalten, und die Tem-
peratur entsprechend zu regulieren. NachUnternehmensangaben
reduziert der „lernende Thermostat“ die Heizkosten um etwa 20
Prozent. „Wichtig ist, dass die regionalen Marktbesonderheiten
– wie zum Beispiel die in Deutschland übliche wasserbasierte
Heizung – berücksichtigt werden“, sagt dazu Dr. Thomas Finke,
Projektleiter Smart Home bei der BoschThermotechnik GmbH.
Er spielt darauf an, dass es in den USA einen hohen Anteil an
Stromheizungen gibt. „Kurz- und mittelfristig“, folgert Finke,
„sehen wir bei den in Europa üblichen wassergeführten Heiz-
systemen keine Auswirkungen der Aktivitäten von Google und
Nest für unsere Partner im SHK-Handwerk.“
Gelassen gibt sich auch Tado-Chef Christian Deilmann, des-
sen Produkt dem von Nest Labs ähnlich ist. Sein Unternehmen
habe „einen großen zeitlichen Vorsprung“ auf den US-Konkur-
renten, erklärt Deilmann. Zu tun hatte Tado mit dem Nest-Pro-
dukt bereits inGroßbritannien – dort ist der intelligenteThermo-
stat nämlich schon erhältlich, und zwar unter Beteiligung eines
deutschenKonzerns: „RWE npower ist der einzige Energieversor-
ger in Großbritannien, der dort den lernenden Nest-Thermostat
vertreibt“, sagte Peter Terium, Vorsitzender des Vorstands der
RWE AG, imApril auf der Hauptversammlung seines Konzerns.
„Wir wollen mit Nest noch mehr machen“, ergänzte Terium vor
den Aktionären: „Wir sind überzeugt, dass der Heizungsregler
von Nest nicht nur für Großbritannien das passende Produkt ist,
sondern auch für unsere anderen Märkte in Europa.“
„Das Engagement von Google
verspricht neue Chancen
für alle Anbieter auf dem
Markt und wird das Volumen
insgesamt vergrößern.“
Torben Bayer,
Marketingleiter beim
Gebäudetechnik-Spezialisten Gira